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HANDELSBLATT, Mittwoch, 13. Juni 2007, 13:07 Uhr
Hintergrund

Was den Benzinpreis treibt

Von Hans Jakob Ginsburg, Wirtschaftswoche

Der Volkszorn an den Zapfsäulen trifft die Falschen. An der derzeitigen Teuerung von Benzin sind nicht in erster Linie die Mineralölkonzerne schuld.


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Der Benzinpreis in Deutschland stieg im Mai auf ein Rekordniveau. Mit sinistren Absprachen eines deutschen Sprit-Kartells hat das wenig zu tun.
Bild vergrößernDer Benzinpreis in Deutschland stieg im Mai auf ein Rekordniveau. Mit sinistren Absprachen eines deutschen Sprit-Kartells hat das wenig zu tun.

Diese Sorge hätten die deutschen Autofahrer gern: Umgerechnet 63 Eurocent für den Liter Super im Landesdurchschnitt, aber weil das über zwölf Prozent mehr ist als vor einem Jahr, ist die Suche nach preisgünstigen Tankstellen zum Volkssport geworden und » www.gasbuddy.com zu einer der beliebtesten Web-Sites der Nation. Ganz einfach mit Benzinpreisvergleich.

Es geht natürlich um die USA, die pro Einwohner mehr als doppelt so viel Sprit verbrauchen wie Westeuropa. Einerseits das Traumland der Autofahrer, weil der Kraftstoff steuerlich nicht anders behandelt wird als jedes andere Wirtschaftsgut - hier gibt es weder Mineralölsteuer noch Ökosteuer, unter denen deutsche Verbraucher stöhnen. Andererseits schlägt gerade darum der höhere Weltmarktpreis für Erdöl relativ stärker auf den amerikanischen Benzinpreis durch, während in Deutschland der hohe Staatsanteil zu einem prozentmäßig geringeren Preisanstieg an der Zapfsäule führt (siehe Grafik). Prinzipiell jedenfalls.

Dennoch haben eine ganze Reihe von Faktoren im Mai den deutschen Benzinpreis in die Höhe getrieben: Der Weltmarktpreis für Erdöl steigt wieder, in der Woche vor Pfingsten auf den höchsten Stand seit neun Monaten. An der Grundsituation auf dem Weltmarkt wird sich wenig ändern, solange die großen Volkswirtschaften in Asien weiter wachsen und immer mehr Erdöl nachfragen, meint Energie-Expertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Unter dieser Voraussetzung sorgen einzelne störende Ereignisse in den Förderländern schnell für happige Preisausschläge. Im Mai waren das politische Unruhen in Nigeria wegen der chaotischen Neuwahl des Staatspräsidenten bis zu einem Streik, der eine Zeit lang die Ölförderung im Nigerdelta bedrohte. Die politische Beruhigung nach der Amtseinführung des neuen Präsidenten sorgte dann wieder für ein paar Cent weniger auf dem Weltmarkt.

Weit mehr als ein störendes Einzelereignis ist inzwischen die internationale Krise um das iranische Atomprogramm. Mohammed el-Baradei, Chef der Internationalen Atombehörde, ist sich sicher, dass die Iraner schon in einem Jahr in der Lage sein werden, eine Atombombe zu bauen. Möglich, dass die Staatengemeinschaft schon bald mit viel schärferen Sanktionen als bisher gegen Teheran reagieren wird. Eine der fast noch harmlosen Folgen wäre, dass die veraltete und schlecht gewartete Infrastruktur auf den iranischen Ölfeldern weiter verrottet, was den Weltmarktpreis weiter hoch treiben würde. Möglich aber auch, dass Russen und Chinesen einen solchen internationalen Boykott des Iran verhindern oder unterlaufen. Wenn dann die Iraner ihre Nuklearrüstung weitertreiben, gefährdet das die Ölversorgung der Welt erst recht. Im Nahen Osten werden Ägypten, Israel und vor allem Saudi-Arabien nicht einfach zusehen, wenn Teheran die Bombe baut: Darum droht eine Krise, die keinen Erdölproduzenten im Nahen Osten aussparen würde.

Kurioserweise sind sich die so unterschiedlichen Erzfeinde Iran und USA in einem wichtigen Punkt sehr ähnlich: Beide Länder produzieren viel Rohöl - auch die USA immer noch die Hälfte ihres eigenen Bedarfs - und müssen trotzdem immer mehr Benzin importieren. Der Iran hat ganz einfach viel zu wenig Raffinerien; zwei Drittel seines Benzinbedarfs wird mit Tankern aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ins Land gebracht. Und in den USA rächt sich jetzt die Investitionsmüdigkeit der Ölkonzerne. "Die Ausrüstung der Raffinerien ist zwar gewartet worden und entspricht dem heutigen technischen Stand - aber seit fast drei Jahrzehnten ist bei uns keine neue Raffinerie gebaut worden", klagt sogar der mit der Erdölindustrie verbandelte Thinktank Energy Policy Research Foundation in Washington.

In den USA gibt es darum derzeit viel zu wenig Benzin. Bis weit in die Neunzigerjahre schreckten die amerikanischen Konzerne vor Raffinerie-Neubauten zurück, weil der Ölpreis viel zu niedrig für rentable Projekte war. Das ist schon lange nicht mehr so, aber heute schrecken staatliche Umweltauflagen die Konzerne ab - und die Überzeugung in den Vorstandsetagen, dass das große Zeitalter des Erdöls vorbei geht und Investitionen in Raffinerien und Pipelines, die sich oft erst nach Jahrzehnten amortisieren, gegenüber den Shareholdern kaum zu rechtfertigen sind. "Kurzfristig ist eine Raffinerie eine fragwürdige Investition", sagt Energie-Expertin Kemfert.

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