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HANDELSBLATT, Donnerstag, 17. April 2008, 18:12 Uhr
Energiepolitik

Noch mehr heiße Luft

Von Klaus Stratmann

Deutschland steigt aus der Kernkraft aus, deswegen will der deutsche Energiekonzern RWE Kernkraftwerke im Ausland kaufen, um seine Klimabilanz in Ordnung zu bringen. So absurd wirkt unsere Energiepolitik jetzt schon. Mit der schwarz-grünen Koalition in Hamburg wird aber der Weg zu noch mehr C02-Ausstoß geebnet: Künftig scheitert auch noch die Modernisierung der Kohlekraftwerke.

Denn das kaum mehr abwendbare Aus für das Kohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg markiert eine Wende in der energiepolitischen Diskussion. Bislang scheiterten Kohlekraftwerke am Widerstand von Bürgerinitiativen oder am Veto von Lokalpolitikern. Moorburg dagegen scheitert mit dem Segen der Bundespolitik: Niemand wird bezweifeln, dass auch Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Koalition der CDU mit den Grünen in der Hansestadt ausdrücklich unterstützt, um ihre Handlungsoptionen zu erweitern. Doch die Folgen für die Energiebranche sind fatal.

Die Entscheidung gegen Moorburg bringt ausschließlich Nachteile. Vattenfall, der Verbündete von RWE bei der geplanten Übernahme von British Energy, will in Moorburg ein hocheffizientes Kraftwerk bauen. Wenn das Vorhaben gestoppt wird, leidet die Umwelt. Ältere Kohlekraftwerke werden am Netz bleiben – und das Klima in den nächsten Jahren mit Millionen Tonnen CO2 belasten. Dabei geht es nicht um die dritte Stelle hinter dem Komma: Ein Kraftwerk, das 30 oder gar 40 Jahre auf dem Buckel hat, erreicht Wirkungsgrade von 36 oder 37 Prozent. Modernste Anlagen kommen auf mehr als 45 Prozent. Die Effizienzsteigerung beträgt also rund 20 Prozent. Zudem wollte Vattenfall das Kraftwerk in Moorburg so konstruieren, dass es mit einer Anlage zur Kohlendioxidabscheidung hätte nachgerüstet werden können. Ab 2020 soll diese Technik kommerziell nutzbar sein

Der Bau eines Gaskraftwerkes, der in Hamburg diskutiert wird, ist keine Alternative. Gas ist für den Dauerbetrieb, für die sogenannte Grundlast, zu teuer. Es lässt sich am ehesten zum Ausgleich von Verbrauchsspitzen einsetzen, wenn man entsprechende Strompreise verlangen kann. Es ist auch nicht leicht, überhaupt einen langfristigen Gasliefervertrag zu ergattern.

In Deutschland müssen in den nächsten Jahren einige Großkraftwerke gebaut werden, wenn Engpässe vermieden werden sollen. Ein Aus für Moorburg ist daher das falsche Signal. Es würde den Drang der Energiekonzerne, ihre Milliarden im Ausland zu investieren, noch verstärken. Sollten sich aber keine Investoren für grundlastfähige Kraftwerke in Deutschland mehr finden lassen, hätte das Konsequenzen für den Industriestandort insgesamt. Gerade energieintensive Unternehmen würden vertrieben.

Der Stromimport aus dem Ausland löst kein einziges Problem. Einerseits stehen nicht die Netzkapazitäten zur Verfügung, um den Import in großem Stil zu steigern. Andererseits ist es auch nicht sinnvoll, Kohlestrom aus alten polnischen Anlagen zu verwenden.

Schon gibt es einen lachenden Dritten: Mit jedem Kohlekraftwerk, das in Deutschland nicht gebaut wird, wächst der Druck, sich vom Atomausstieg zu verabschieden. Nie waren die Chancen der Kernenergiebranche größer, den „Ausstieg aus dem Ausstieg“ zu erreichen. Für RWE wäre das eine Erleichterung. Aber ob die Grünen das wirklich wollen?


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