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08.05.2008 
Neue Bücher über Israel

„Zugedröhnt von einer Überdosis Geschichte“

von Pierre Heumann

Der Schriftsteller David Grossman, Autor von "Wohin Du mich führst" und "Löwenhonig", wirft seinem Land Versäumnisse vor: „Israel hat es noch nicht geschafft, seinen Bürgern das Gefühl zu vermitteln, dass dieses Land ein Zuhause ist. Möglicherweise fühlen sie, dass Israel ihr Castle, aber nicht wirklich ihr Home ist.“

„Israel ist ein kompliziertes Land, voll von Widersprüchen, voll auch gleichzeitig von Hoffnungen und Enttäuschungen. Der Schriftsteller David Grossman nennt seine Liebe zu Israel, das seit Jahrzehnten in einem Ausnahmezustand verhaftet ist, „problematisch und kompliziert.“ Israel sei „ein gequältes Land, zugedröhnt von einer Überdosis Geschichte, von einem Überschuss an Emotionen“. Doch gerade das fordert den prominenten Romanschreiber als politischen Denker und Autor heraus. Das sei nämlich der Stoff, der für Schriftsteller so interessant, so herausfordernd sei: „Wir widmen uns freiwillig den schwersten, hässlichsten, schmerzlichsten und unverarbeitetsten Seelenstoffen.“

Der Staat, der jetzt seit sechs Jahrzehnten besteht, sei schnell alt geworden, sagt Grossman in einem seiner Vorträge, die bei Hanser herausgekommen sind. Israel sei früher ein „zukunftsträchtiges“ Land gewesen, stellt er fast schon deprimiert, auf jeden Fall aber enttäuscht fest: „Seht, was aus dem jungen, mutigen, enthusiastischen Staat geworden ist!“ wendet er sich in einer Gedenkrede für den ermordeten Premier Jitzhak Rabin ans Publikum. „Wie in einem beschleunigten Alterungsprozess ging Israel von der Säuglings-, Kindheits- und Jugendphase über in den permanenten Zustand der Nörgelei, der Schwäche und des Gefühls, etwas verpasst zu haben.“ Seine Enttäuschung verheimlicht er nicht: „Ich spreche von dem starken Gefühl eines Versäumnisses, das mehr und mehr diejenigen ergreift, für die Israel ein Traum war und die die Hoffnung hegten, eine moralische, gerechte Gesellschaft zu schaffen.“

Was Grossman zu sagen hat, klingt oft bitter, ist immer hart. Er reflektiert über das moralische Dilemma der Besatzung, denkt über das Selbstverständnis des Landes nach, referiert über dessen Politiker und philosophiert über die Bedeutung der Begrüßungsformel „Schalom“ (Deutsch für Frieden) in einem Land, das nie Frieden kannte. Dabei geht er erbarmungslos, immer aber auch wehmütig mit dem Land um, in dem er vor 54 Jahren geboren wurde und dessen Existenz noch keine Selbstverständlichkeit ist. Denn es ist zerbrechlich geblieben, muss sich immer wieder für sein Existenzrecht wehren: „Israel hat es noch nicht geschafft, seinen Bürgern das Gefühl zu vermitteln, dass dieses Land ein Zuhause ist. Möglicherweise fühlen sie, dass Israel ihr Castle, aber nicht wirklich ihr Home ist.“

Scharf analysiert Grossman die Funktion der Sprache und zeigt, wie sie in Nachrichtenmeldungen die Realität verzerrt, unbequeme Wahrheiten beschönigt. Als ehemaliger Nachrichtensprecher beim Rundfunk habe er erfahren, auf welch vielfältige Weise Sprache und Wörter die Wahrnehmung der Politik sowie deren Wirkung manipulieren können. Die verzerrende Kraft der Ausdrucksweise könne der Bevölkerung Ruhe und Harmonie vorgaukeln, auch wenn die Gewalt unmittelbar vor dem Ausbruch stehe. Die Manipulation sei mitunter so geschickt, dass das Land vom Ausbruch der ersten Intifada überrascht wurde, obwohl es in den besetzten Gebieten seit langem gegärt hatte.

Hart geht Grossman mit der Regierung ins Gericht. Von ihr erwarte er keinen Ausweg aus der Dauerkrise. Die Politiker seien in kurzfristigem Denken verhaftet, würden Ängste schüren, seien von der Faszination der Macht geblendet: „Im Grunde genommen bietet sie (die Politik) keine Orientierung, ganz gewiss nicht einem verirrten Volk in solch einer schwierigen Lage“.

DAVID GROSSMAN: Die Kraft zur Korrektur Carl Hanser, München 2008, 152 Seiten, 15,90 Euro

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