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HANDELSBLATT, Freitag, 9. Mai 2008, 09:00 Uhr
China-Lexikon

Reich der Mitte


Eigentlich besitzen die Chinesen selbst für ihr Land keinen eigenen Namen. Sie sprechen nur von „Zhong Guo“ – dem „Reich der Mitte“. Das halten sie für eine vollendete Zivilisation.


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Quelle: Handelsblatt
Quelle: Handelsblatt

and PEKING. Eigentlich besitzen die Chinesen selbst für ihr Land keinen eigenen Namen. Sie sprechen nur von „Zhong Guo“ – dem „Reich der Mitte“. Die Bezeichnung „China“ erfanden Europäer, sie leiteten ihn lautmalerisch von der Herrscherdynastie der Qin (246 bis 207 v. Chr.) ab.

Der Begriff „Reich der Mitte“ ist geprägt von der Vorstellung, dass die Chinesen den Mittelpunkt der Erde bewohnen, der auf der einen Seite von Meeren und auf der anderen von „Barbaren“ umgeben ist. Chinesische Kinderpuzzles mit der Weltkarte zeigen bisweilen auch heute noch China als das große, zentrale Land der Erde, das von etlichen anderen Kontinenten umgeben ist.



Auch wenn die Chinesen ihre Heimat heute nicht mehr als die geografische Mitte der Welt verstehen, sehen sie China dennoch oft als die höchste Kultur- und Gesellschaftsform. Der Begriff „Zhong Guo“ spiegelt Weltsicht und Selbstverständnis vieler Chinesen noch immer sehr gut wider. Dies drückt sich heute vor allem in einem stark ausgeprägten Überlegenheitsgefühl aus. Das wird von ethnischen Minderheiten in Provinzen wie etwa Tibet oder Xinjiang seit langem beklagt, weil ihre eigene Kultur von Chinesen nicht anerkannt und unterdrückt wird.

Verstärkt wird Chinas Überlegenheitsgefühl durch die beeindruckende Größe des Landes mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern. Dabei war China in den 3 500 Jahren seiner Geschichte keineswegs immer ein Großreich – im Gegenteil. Das Land war nur selten geeint und oft zersplittert und zerstritten.

Erst in der Dynastie der Qin-Herrscher formte sich ein Kaiserreich, und die „Zeit der streitenden Reiche“ (475 bis 220 v. Chr.) wurde beendet. Das Reich umfasste damals allerdings nur ein Drittel der Fläche des heutigen Chinas. Weder die Mandschurei noch die mongolischen und uigurischen Territorien im Norden und Westen oder auch Tibet gehörten dazu.


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Damals entstand auch die Große Mauer, die die Kaiser von Zwangsarbeitern errichten ließen. Sie bildete für die nächsten zwei Jahrtausende die Grenze zwischen den Han-Chinesen und den Nomadenvölkern, bot allerdings nie wirklichen Schutz. Immer wieder zerfiel der Staat der Chinesen, und immer wieder musste das „Reich der Mitte“ neu geeint werden.

Doch China versteht sich spätestens seit der Qin-Dynastie als eine vollkommene Zivilisation, die mit der Welt gleichgesetzt werden kann. An der Spitze stand – noch bis ins Jahr 1911 – der Kaiser, der als Himmelssohn die Harmonie zwischen Himmel und Erde bewahrte. Er regierte in der Theorie ganz nach der konfuzianischen Lehre, nämlich als Vorbild und nicht durch Gewalt.

Auch wenn die Realität in China meist anders ausgesehen hat: Vom Anspruch her galt das „Reich der Mitte“ als eine vollendete Zivilisation.

Und dieses Selbstverständnis prägt bis heute die Identität der Chinesen und findet Ausdruck in einem starken Patriotismus, der sich immer wieder gegen das wendet, was nicht aus dem „Reich der Mitte“ kommt. Die jüngsten antifranzösischen Proteste sind ein Beleg dafür.


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