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HANDELSBLATT, Samstag, 19. April 2008, 11:19 Uhr
Führungsseminare

Mehr Frauenpower

Von Christoph Stehr

Je größer das Unternehmen, je wichtiger die Aufgaben, desto weniger Frauen finden sich im Job wieder. Im vergangenen Jahr fiel der Anteil von Frauen im deutschen Topmanagement von 7,5 auf 5,7 Prozent. Auf ihrem Weg nach oben bleiben Frauen immer noch in Männerseilschaften hängen. Durch Seminare und Coaching entdecken sie alternative Routen.



Das deutsche Top-Management ist zum Großteil Männern vorbehalten. Nur jede 10. Führungskraft in Deutschland ist weiblich. Foto: Archiv
Das deutsche Top-Management ist zum Großteil Männern vorbehalten. Nur jede 10. Führungskraft in Deutschland ist weiblich. Foto: Archiv

DÜSSELDORF. Es ist eng im Yachthafen von Zadar, einem Seebad an der kroatischen Adria. Das 15 Meter lange Segelschiff „Corinna“ manövriert langsam zwischen kleineren Booten. Die Frau, die achtern das Steuer bedient, lauscht angestrengt den Kommandos ihrer Teamgefährtin am Bug. Auf 15 Meter Entfernung schlucken Wind, Wasser und Möwen jedes zweite Wort – so geht es nicht. Die Skipperin hilft, sie ruft die Kommandos von mittschiffs weiter. Die „Corinna“ findet den Weg aus dem Hafen.

Eine Stunde später, während die Skipperin Kurs auf eine Inselgruppe hält, trifft sich die Crew in der Kajüte. Auch hier ist es eng, acht Frauen zwängen sich um den Tisch. Auf See gehen sie allenfalls als Leichtmatrosen durch, aber an Land bekleidet jede einen Offiziersrang: Marketingleiterin, Personalchefin, Partnerin in einer Unternehmensberatung. Sie nehmen an dem Seminar „Coach ‚n’ Sail“ für Führungsfrauen teil, das der Nürnberger Trainer Jürgen Mahler regelmäßig veranstaltet.

„Wir nutzen das Schiff als Metapher für ein Unternehmen“, erläutert Mahler. Das schwierige Manöver im Hafen von Zadar wird zur Managementlektion: Die Marketingleiterin erzählt, mit ihren Vorschlägen für Produktinnovationen dringe sie selten bis zur Geschäftsführung vor. Ein „Verstärker“, der ihre Botschaft weitertrage, sei vielleicht die Lösung – so wie eben selbst an Deck erlebt. Die Fertigungsleiterin einer Maschinenfabrik deutet die Szene anders. Die Kollegin sollte öfter mal das Steuer abgeben und nach vorn, zu den Mitarbeitern am Band gehen, meint sie, dann wüsste sie, was im Unternehmen wirklich los sei. Für Mahler zählt bei der Diskussion vor allem der „Transfer in den Beruf“. „Frauen in Führungspositionen stehen verschiedenen Erwartungen und Zuschreibungen von außen gegenüber – das reinste Rollenspiel“, sagt der Coach. „Das Leben an Bord hilft ihnen, Rollen zu erkennen und zu hinterfragen, weil hier eine kleine Crew eine Vielzahl von Rollen besetzt.“

Die Tatsache, dass es Führungsseminare speziell für Frauen gibt, belegt, was noch immer deutsche Realität ist: Nach der jüngsten Auswertung des Wirtschaftsinformationsdienstes Hoppenstedt fiel der Anteil von Frauen im deutschen Top-Management von 7,5 Prozent Anfang 2007 auf 5,7 Prozent Anfang 2008. „Frauen haben zwar auf niedrigeren Führungspositionen und auf Führungspositionen in Teilzeit zugelegt, nicht aber auf höheren und Vollzeitstellen“, sagt Corinna Kleinert vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, dessen eigene Studien die Hoppenstedt-Ergebnisse bestätigen. „Die ‚gläserne Decke’ – es gibt sie nach wie vor. Denn je größer das Unternehmen, je verantwortungsvoller die Position und je höher die Führungsebene, desto weniger Frauen finden sich dort.“ Insgesamt ist etwa jede zehnte Top-Führungskraft weiblich. Damit liegt Deutschland zwar im europäischen Durchschnitt, aber andere Länder wie Schweden und Großbritannien sind weiter.

„Das größte Karrierehemmnis für Frauen sind nicht Kinder, sondern Vorurteile“, zieht die Hamburger Wirtschaftsprofessorin Sonja Bischoff ihr Resümee aus 20 Jahren Geschlechter-Forschung. „Weibliche Leistung wird weniger anerkannt als männliche Leistung. Daraus ergeben sich Einkommensnachteile, die sich wiederum so auswirken, dass Frauen ihre Karrieren selbst begrenzen. Je höher eine Frau in der Hierarchie steht, desto geringer ist ihr Wunsch ausgeprägt, weiter aufzusteigen.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die „gläserne Decke“ durchstoßen.


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