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HANDELSBLATT, Donnerstag, 8. Mai 2008, 07:00 Uhr
Patrick Kron

Der Muster-Patron


Alstom-Chef Patrick Kron könnte sich im Schein der glänzenden Geschäftsentwicklung sonnen. Stattdessen muss er sich beim französischen Vorzeigekonzern mit möglichen Korruptionsaffären seiner Vorgänger herumschlagen.



Alstom-Chef Patrick Kron hat momentan Sorgen. Foto: ap
Bild vergrößernAlstom-Chef Patrick Kron hat momentan Sorgen. Foto: ap

PARIS. Patrick Kron ist sichtlich verärgert. „Wir werden doch jetzt nicht den ganzen Vormittag über diese alten Affären reden“, entfährt es dem Chef des Industriekonzerns Alstom, als der vierte Journalist gestern bei der Bilanzvorstellung eine Frage zu den Korruptionsvorwürfen stellt.

Etwas zappelig steht der stets leicht gebräunte, schlaksige Kron hinter seinem Redepult und quittiert jede Frage zu den Alstom-Ergebnissen mit einem wohlwollenden Lächeln. Das Zahlenwerk ist schließlich glänzend, der Nettogewinn stieg um 56 Prozent auf 852 Mill. Euro. Doch angesichts der neu aufgeflammten Vorwürfe, Alstom habe zwischen 1995 und 2003 Schmiergelder für Aufträge bezahlt, interessieren die Ergebnisse die Journalisten nur am Rande. Und das nervt den Konzernchef.

Zum Thema Korruptionsverdacht beruft sich Kron auf die Gnade der späten Berufung: Die Verdachtsfälle datierten schließlich alle aus der Zeit, bevor er das Ruder beim Hersteller von TGV-Schnellzügen und Kraftwerksturbinen übernahm. „Ich weiß daher über diese Affären nichts, weder zu den Projekten, um die es geht, noch um die angeblich betroffenen Personen“, beteuert der Alstom-Chef. Vergleiche mit dem Schmiergeldskandal beim Wettbewerber Siemens verbittet er sich. Etwas kleinlaut fügt er schließlich an, „dass Alstom selbstverständlich eine interne Untersuchung zu den Vorgängen veranlasst hat, um die Fragen der Justiz zu beantworten“.

Die „alten Affären“ holen Alstom und ihren Chef zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt ein. Kron, der Alstom mit Staatshilfen vor der Pleite bewahrt hat, will nicht nur als Sanierer Industriegeschichte schreiben, sondern auch als Stratege. Seit Monaten kämpft Kron daher verbittert um sein großes Projekt: eine Fusion mit der staatlichen Nuklear-Holding Areva.

Doch Areva-Chefin Anne Lauvergeon will davon überhaupt nichts wissen. Zwischen den beiden Top-Managern herrscht deswegen offener Krieg. Entschieden wird der Kampf im Elysée-Palast. Doch Staatschef Nicolas Sarkozy zögert.

Genau in diesem Spannungsfeld tauchen nun die Korruptionsverdachtsfälle aus den späten 90er-Jahren auf. Dienstag erklärte Alstom noch, „kein Objekt eines Ermittlungsverfahrens wegen Korruption zu sein“. Das stimmt schon einen Tag später nicht mehr. Denn die Schweizer Justiz bestätigte gestern die Ermittlungen wegen des Verdachts der Korruption und Geldwäsche gegen Personen, „die im Lehnverhältnis mit der Gruppe Alstom stehen“. Es geht dabei um mögliche Schmiergeldzahlungen bei der Vergabe von Aufträgen in Asien und Südamerika.

Droht die Affäre nun seine Atom-Ambitionen zunichte zu machen? Kron macht eine abfällige Handbewegung. „Das hat doch nichts miteinander zu tun.“ Er bestätigt erneut sein Interesse an Areva, für eine Entscheidung gebe es aber „überhaupt keinen Zeitdruck“.

Beobachter sprechen dem gelernten Ingenieur Kron die Qualität zu, besonders gut zu sein, wenn er unter Druck steht. Dem 54-Jährigen eilt der Ruf voraus, ein harter Arbeiter zu sein. „Er verlangt viel, von sich selbst und von seinen Mitarbeitern“, sagte einmal Gérard Hauser. Der Chef des Kabel-Spezialisten Nexans kennt Kron noch aus der gemeinsamen Zeit beim Aluminium-Riesen Péchiney.

Einen Beleg dafür, dass Kron Druck aushält, lieferte er im Sommer 2003. Damals gab der Absolvent der Elite-Schmiede Polytechnique den sicheren Chef-Posten des Mineralien-Spezialisten Imerys auf, um beim sinkenden Schiff Alstom anzuheuern.

Der Konzern hatte schwere Schlagseite durch Managerfehler. Denn Alstom hatte von ABB die Produktion von großen Gasturbinen übernommen, die sich jedoch als Fehlkonstruktion entpuppten. Entschädigungszahlungen für Kunden und die teure Nachbesserung der Turbinen zehrten die Barreserven Alstoms auf. Die Banken bekamen kalte Füße, und Siemens drohte unverhohlen, den Konkurrenten zu zerschlagen.

Die EU-Kommission wollte von Staatshilfen nichts wissen. Sarkozy, damals Finanzminister, setzte in Brüssel schließlich doch noch durch, mit 720 Mill. Euro den nationalen Champion Alstom aushelfen zu dürfen. Die Geldspritze brachte Alstom über den Berg; dank neuer Aufträge, des Verkaufs von Geschäftsbereichen und harter Sparmaßnahmen riss Kron das Ruder herum. „Die Schwierigkeit bestand darin, all das zum selben Zeitpunkt zu machen“, erinnert er sich – und betont dabei aber stets, dass die Sanierung von Alstom „nicht nur das Werk von mir, sondern die eines ganzen Teams ist“.

Starrummel ist ihm ein Graus. Seine Eltern waren 1945 aus Polen vor dem Nazi-Terror nach Frankreich geflohen. Seit der Alstom-Rettung ist der Einwanderersohn in den Olymp von Frankreichs Vorzeige-Patrons aufgestiegen. Staatspräsident Nicolas Sarkozy schätzt Kron sehr für dessen Arbeit. Der Alstom-Chef zählte daher zu dem handverlesenen Kreis derer, die bei Sarkozys Party nach seinem Sieg bei den Präsidentschaftswahlen im Edelrestaurant Fouquet’s dabei sein durften.

Und selbst Michel Pébérau, der mächtige Präsident der Großbank BNP Paribas, sagte einmal über ihn: „Er ist der Beste, niemand hat in Frankreich eine vergleichbare Bilanz wie er vorzuweisen.“ Aus dem überschuldeten Industriekonglomerat ist heute ein Konzern mit 17 Mrd. Euro Umsatz und fast einer Mrd. Euro Cash-Überschuss geworden.

Geld, das Kron „Raum zum Manövrieren“ gebe, etwa für neue Zukäufe, wie er gestern erklärte. Er will in die Zukunft schauen. Doch zuvor muss Kron einige düstere Kapital der Vergangenheit Alstoms aufarbeiten. Ob er will oder nicht.


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