Scott muss wissen, wie es um die meisten seiner Mitarbeiter bestellt ist. Der heute 57-Jährige wuchs in sehr einfachen Verhältnissen auf, der Vater war Tankstellenbesitzer, die Mutter Musiklehrerin. Die Gebühren fürs College musste er sich bei einem Reifendienst verdienen – für 1,95 Dollar Stundenlohn. Scott heiratet mit 21 und zieht mit Frau Linda und Sohn Eric in einen kleinen Wohnwagen. Er erhält eine Anstellung bei einer Spedition in Kansas, wechselt 1979 als Logistikmanager zu Wal-Mart und gewinnt schnell die Unterstützung von Konzernchef und Walton-Nachfolger David Glass. Der junge Scott will hoch hinaus, beginnt als strenger Abteilungsleiter und bringt die Fahrer, die Wal-Mart beliefern, gegen sich auf. Die Standpauke von Gründervater Walton, er solle den Problemen seiner Fahrer besser zuhören, wird zum Rüffel fürs Leben.
Scott lernt, dass bescheidenes Auftreten Pflicht ist für Wal-Mart-Manager, deren Mitarbeiter nicht selten einen weiteren Job brauchen, um ihre Familien ernähren zu können. Als er im Jahr 2000 zum Konzernchef berufen wird, tauscht er seinen BMW gegen einen gebrauchten VW-Käfer und zieht in das Mini-Büro des 1992 gestorbenen Firmengründers.
Dennoch wird Scott zur Zielscheibe öffentlicher Kritik, weil er sich mit Wal-Mart in den USA wie eine Krake ausbreitet. Als die Attacken zunehmen, stellt er Hunderte von PR-Spezialisten und Juristen ein und zieht sich damit auch noch den Zorn der Investoren zu: Scott verbringe mehr Zeit damit, sich für die Fehler des Konzerns zu entschuldigen, anstatt als „Champion“ aufzutreten“, kritisiert Morningstar-Analyst Joe Beaulieu. Allmählich wird es eng für den Konzernchef.
Die Walton-Erben, die 40 Prozent der Aktien kontrollieren, stellen sich am Freitag vor ihn: Wenige Menschen seien „so leidenschaftlich wie jener, der im Zentrum unserer Mission steht: Lee Scott“, betont Wal-Mart-Chairman und Gründersohn Robson Walton. Dass der Konzernchef erstmals die Rückendeckung des Boards benötigt, ist Experten zufolge kein gutes Zeichen: „Die Wall Street will Beweise für eine Geschäftsverbesserung in der zweiten Jahreshälfte sehen“, sagt der Berater eines großen Wal-Mart-Aktionärs. „Wenn die nicht kommen, wird der Druck auf Scott gewaltig.“
Im Moment spricht einiges dafür, denn eine Besserung der Lage ist nicht in Sicht: Erst vor wenigen Wochen musste der Konzernchef mitteilen, angesichts der schwächelnden US-Konjunktur würden die Gewinnerwartungen im zweiten Quartal möglicherweise verfehlt.
