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20.04.2008 

Heute sagt Ailin, Mitarbeiter der "Second Life"-Betreiberfirma Lindenlab hätten ausgeplaudert, dass ein Spieler sechsstellige Dollarbeträge verdiene. Es seien waghalsig gerechnete Zahlen gewesen, die sich allein auf das virtuelle Vermögen ihres Avatars bezogen hätten. Sie sollten das Spiel bekannt machen. Und es funktionierte.

Große, bekannte Konzerne entdeckten die virtuelle Welt für sich und nutzten sie für Marketing-Kampagnen. Viel Geld und ungekannte Konkurrenz strömte auf die Plattform. Nur an ihrem Unternehmen Anshe Chung Studios, das die Graefs inzwischen gegründet hatten, ging die Entwicklung vorbei. "Wir haben vom Hype erstaunlich wenig profitiert", sagt sie. Zumal die Parallel-Welt von enttäuschten Stimmen und Kritikern schon nach einem halben Jahr für tot erklärt wurde. Die Benutzerzahlen sanken in den Keller, die großen Marken zogen sich zurück.

Aber aufgeben kam für die Graefs nicht in Frage. Denn während die Firmen für kurze Zeit glaubten, einen coolen Trend entdeckt zu haben, und sich dann einen neuen suchten, waren die Graefs schon längst mit der virtuellen Welt verwoben. Zu viele Nächte hatten sie bis dato mit ihrem gemeinsamen Hobby verbracht, den Online-Rollenspielen.

Als sie sich 1994 am Fremdspracheninstitut Beiwai in Peking kennenlernten, war es ungewöhnlich, dass eine chinesische Sprachstudentin aus der Provinz das Internet kennt. Doch sie ahnte damals: "Das Internet öffnet ein Fenster, es bietet mehr Informationen, mehr Kontakte." Schon mit ihrer Studienwahl Englisch hatte sie es sich zum Ziel gesetzt, der Enge ihrer Heimatstadt Huanggang im mittelchinesischen Hubei zu entfliehen. "Wenn ich Englisch spreche, erhöhe ich meine Chancen und lerne andere Weltanschauungen kennen", das war ihre Überlegung.

Guntram Graef sucht zu dem Zeitpunkt auch nach anderen Kulturen. Es ist Mitte der Neunzigerjahre, er kommt nach dem Vordiplom für ein Praktikum zu Siemens und erlebt einen Kulturschock: "Am Morgen dachte ich, ich fliege in die Dritte Welt, in ein kommunistisches Land, in dem Leute nichts zu essen haben", erinnert er sich. "Am Abend zog ich mit dem Sohn meiner chinesischen Gastfamilie und seinen Freunden, die alle viel reicher waren als ich, durch die Karaokebars von Zhongguancun."

Bei Siemens soll der schlaksige Informatikstudent mit der nachlässigen Körperhaltung die Einführung von E-Mails unterstützen und gleichzeitig den chinesischen Kollegen westliches Denken näherbringen. Joachim Steppich, sein Chef, merkt schnell, dass der Neue mit den Einser-Zeugnissen nicht seinem Bild eines abenteuerlustigen Praktikanten entspricht. "Man hatte das Gefühl, da ist ein junger, vergeistigter Professor, der das Leben um sich herum nicht begreift. Er wirkte unbeholfen in normalen Dingen." Graef spricht langsam, nimmt jede Frage ernst, braucht immer ein paar Sekunden länger, um eine Antwort zu geben. Die aber seien immer fundiert, erkennt Steppich bald.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: "Jeder Mensch hat einen Traum. Dreamland war mein Traum"

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