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11.05.2008 

Er traf Karajan das erste Mal 1955 – als dieser gerade Nachfolger Wilhelm Furtwänglers als Chefdirigent in Berlin geworden war. Ohga studierte in Berlin Musik. Er war in einer einmonatigen Reise mit einem Ozeandampfer nach Deutschland gekommen – finanziert zum Teil durch einen Vertrag mit Sony. Die aufstrebende Phonofirma erwartete von dem jungen Norio Berichte über die deutsche Audioindustrie. „Damals waren Karajan und ich weit davon entfernt, uns auf Augenhöhe zu begegnen – er war einer der größten Dirigenten seiner Zeit, ich ein einfacher Student“, sagt Ohga. Daher blieb es bei einem Händeschütteln und einem kurzen Gespräch. Arrangiert hatte das Treffen im Hotel Kempinski Michiko Tanaka, eine Sängerin, die schon seit der Weimarer Zeit in Berlin lebte. Ohga blüht auf, wenn er an die Sängerin denkt, und lässt sogleich ein Bild der Sopranistin heranschaffen, das in seinem Büro hängt.

Eine Freundschaft entstand daraus erst später, in den 60er-Jahren. Damals war Ohga bereits Führungskraft bei Sony, Karajan verbreitete seinen Ruhm auf Tourneen rund um die Welt. Sony-Mitgründer Akio Morita lud Karajan stets zu sich nach Hause ein, wenn dieser in Japan gastierte. Der Dirigent ließ sich mit der Aussicht locken, Aufnahmetechnik frisch aus dem Entwicklungslabor ausprobieren zu können. Morita bat auch stets den Klassik-Experten aus seinem Führungsteam dazu – den studierten Musiker Ohga.

Das Verhältnis der beiden war nah, aber nicht eng, Karajan ließ Menschen generell nicht gern an sich heran. Immerhin, in einem Brief von 1983 gratuliert Karajan ihm zur Karriere: „Jetzt, wo Du in Deinem Beruf auf eine Position nahe neben Gott aufgestiegen bist, frage ich mich, ob ich Dich nicht zum Kommodore befördern soll.“ Ohga war gerade Präsident und Chief Operating Officer geworden, Karajan benutzte gern die Fliegersprache.

Als der Maestro 1973 zu einem Auftritt in Tokio war, ließ er Ohga in die Konzerthalle bitten. „Ich war bis über beide Ohren beschäftigt und wollte eigentlich nicht hingehen“, sagt Ohga. Als er die Garderobe des Dirigenten betrat, rollte dieser zwei großformatige Bögen mit der Schemazeichnung eines Cockpits vor Ohga aus – des Flugzeugs, das Karajan gerade kaufen wollte. Ohga riet jedoch ab: „Wenn Du diese Maschine kaufst, dann wirst Du das ganz sicher bereuen.“ So ein Flugzeug sei nur etwas für Amateure. Karajan war enttäuscht, hatte das Flugzeug aber schon bestellt.

Im folgenden Jahr erlebte Ohga in New York dann eine Überraschung. Er hatte für sich selbst ein Flugzeug des Typs Dassault Falcon gekauft. Zur Ausbildung auf einer neuen Maschine gehört ein Simulatortraining, das er in Amerika ableisten wollte. Der Kunde vor ihm am Simulator überzog heftig seine Zeit. Ohga war durchaus verärgert. Als endlich die Tür aufging, stand da – Karajan. „Lustig, nicht wahr?“ sagt Ohga heute. Der Dirigent hatte das Flugzeug sofort verkauft, das Ohga damals in Tokio hatte durchfallen lassen, und sich die von ihm bevorzugte Falcon angeschafft.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Karajan trank das Glas aus und kippte plötzlich zur Seite

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