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23.10.2006 
Ratan Tata

Tata-Chef: Chairman mit Charme

von Oliver Müller

Ratan Tata, Chef von Tata Steel, ist Indiens Vorzeigeunternehmer. Mit tadellosem Stil und Bescheidenheit hat er jetzt auch die Übernahme des Konkurrenten Corus eingefädelt.

Ratan Tata zählt seit langem zu Indiens einflussreichsten Managern. Foto: APLupe

Ratan Tata zählt seit langem zu Indiens einflussreichsten Managern. Foto: AP

DEHLI. Ruhig, geradezu bedächtig tritt Ratan Tata vor die rund 150 Journalisten und Banker im Auditorium der Deutschen Bank in der Londoner City. Mit leiser, rauer Stimme erläutert er, warum sein indischer Konzern den britisch-niederländischen Stahlhersteller Corus kauft: „Wir teilen gemeinsame Werte.“ Und er fügt hinzu: „Wir sind keine Räuber, wir wollen voneinander lernen, und Corus wird seine Identität behalten.“

Das sagen viele Manager, wenn sie eine Fusion verkünden. Doch Ratan Tata glaubt man es, weil er auf jede Geste des Triumphs verzichtet.

Ratan Tata zählt seit langem zu Asiens einflussreichsten Managern. Mit 68 Jahren katapultiert ihn die Übernahme des Stahlriesen Corus nun ins Rampenlicht der Welt. Indem Tata Steel den viermal größeren europäischen Rivalen schluckt, wird aus der bisherigen Nummer 56 der Branche die Nummer fünf. Zu Hause wird der Chairman der Tata-Gruppe so zum Superhelden: „Die Internationalisierung unserer Firmen hat mit diesem Deal einen neuen Höhepunkt erreicht“, jubelt R. Seshasayee, Chef des Industrieverbands CII. „Tata ist ein Symbol für ein neues, selbstbewusstes Indien.“

Mit der Übernahme reagiert Tata auf den Konsolidierungsdruck in der Stahlbranche, der durch den Angriff des Inders Lakshmi Mittal auf Arcelor im Frühjahr mächtig erhöht wurde. Dass Tata und Corus einvernehmlich zueinander finden, ohne Übernahmeschlacht und nationalistisch gefärbte Abwehrreaktionen wie bei Mittal, entspricht Ratan Tatas völlig anderem Stil. Er ist ein Gentleman. Sanfter Charme, aufrichtige Bescheidenheit, geschliffene Umgangsformen und eine Obsession für Werte und Tradition machen ihn zum Aushängeschild von Indiens altem Unternehmer-Adel. Auf den breiten Schultern dieses hoch gewachsenen, stilvoll ergrauenden Patriziers ruht das größte Firmen-Erbe der Nation.

Daran erinnert wird Tata jeden Morgen, wenn er an der Marmorsta-tue des legendären Firmengründers vorbei in ein nobles Gebäude im britischen Kolonialstil geht, das Bombay House. Das Imperium, das hier sitzt, wurde von dem Parsen Jamsetji Tata 1868 aus der Taufe gehoben. Der Urahn des heutigen Chairmans war ein Pionier der Industrialisierung seines Landes. Seine Firmen sollten nicht nur Profit abwerfen, sondern zugleich Bausteine liefern für ein unabhängiges, modernes Indien.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Industrieriese wurde aus dem Dornröschenschlaf geweckt

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