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HANDELSBLATT, Sonntag, 20. Mai 2007, 06:00 Uhr
Was macht moderne Wirtschaftswissenschaft aus?

Ökonomie 2.0: Daten statt Dogmen

Von Axel Ockenfels

Realitätsfern, modellverliebt und abstrakt - dieses Image haftet der Wirtschaftswissenschaft bis heute an. Tatsächlich ist Ökonomie aber alles andere als blutleer, schreibt der renommierte Kölner Volkwirt Axel Ockenfels in einem Essay für das Buch "Ökonomie 2.0" der Handelsblatt-Redakteure Norbert Häring und Olaf Storbeck.


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"Ökonomie 2.0" auf dem Prüfstand (14.12. 19:10)

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"Wirtschaftsweise kein Hort des unvoreingenommenen ökonomischen Sachverstands" (14.12. 17:00)

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Die etwas andere(n) Seite(n) der Wirtschaft  (07.12. 16:36)

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»Wie viele Volkswirte braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? Antwort: keinen einzigen. Wenn eine neue Glühbirne nötig wäre, hätte der Markt schon dafür gesorgt.« Solche Ökonomenwitze gibt es zu Dutzenden. Das Spektrum reicht vom Kalauer (»Wirtschaftsforscher haben neun der letzten fünf Rezessionen präzise vorhergesagt«) bis zum geistreichen Aphorismus (»Ökonomie ist das einzige Fach, in dem zwei Forscher den Nobelpreis bekommen, weil sie das genaue Gegenteil herausgefunden haben«). Doch alle werfen ein Schlaglicht auf die öffentliche Wahrnehmung der Wirtschaftswissenschaft. Ökonomen werden gerne als realitätsfern und vage, marktgläubig und modellverliebt beschrieben.

Die Kritik an der Wirtschaftswissenschaft ist so alt wie das Fach selbst. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieb Thomas Carlyle das Fach als »dismal science« – eine Beschreibung, die der Disziplin im angelsächsischen Raum bis heute anhängt. Ökonomen, so wird kolportiert, »kennen den Preis von allem und den Wert von nichts«. Wissenschaftler anderer Disziplinen werfen unserem Fach gar »Imperialismus« vor – wir Wirtschaftswissenschaftler würden mit Vorliebe unsere Nase auch in Themen stecken, mit denen wir uns nun wirklich nicht auskennen, von der Familie über Glück bis hin zur Gesundheit.

In der Vergangenheit mag solche Kritik zum Teil berechtigt gewesen sein. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich in der Wirtschaftswissenschaft jedoch eine aufregende Entwicklung breit gemacht: Das Fach ist näher an die Menschen und ihre Probleme gerückt; es gelingt zunehmend, die angeprangerte Lücke zwischen Wissenschaft und »wirklichem Leben« zu überbrücken. Daten statt Dogmen, auf diesen Nenner könnte man das Leitmotiv der modernen Wirtschaftswissenschaft bringen. Ein Motor dieser Entwicklung war die Entdeckung und Anwendung neuer wissenschaftlicher Methoden – insbesondere die Spieltheorie und ihr empirisches Gegenstück, die experimentelle Wirtschaftsforschung.


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Beide Forschungsfelder haben gemeinsam die Volkswirtschaftslehre und die Sicht der Ökonomen auf menschliches Verhalten revolutioniert. Zugleich haben sie die Ökonomen mit Instrumenten ausgestattet, mit denen sie gleichsam wie Ingenieure helfen können, effektivere Institutionen zu gestalten und bessere Entscheidungen zu treffen. Die Spieltheorie liefert ein mathematisch stringentes Werkzeug zur Analyse jeglicher strategischer Interaktion. Bevor die Spieltheorie um die Mitte des letzten Jahrhundert von John von Neumann, Oscar Morgenstern und John F. Nash »erfunden « wurde, ist die Wirtschaftstheorie in ihren Modellen typischerweise davon ausgegangen, dass eine so große Anzahl von Akteuren auf Märkten interagieren, dass jeder einzelne die Reaktion der anderen auf das eigene Verhalten vernachlässigen kann. Dies mag für den Kauf einer Milchtüte im Supermarkt eine nachvollziehbare Vereinfachung sein. Aber für Tarif- und Umweltverhandlungen, Regulierung von Infrastrukturmärkten, oligopolistischen Wettbewerb und andere Formen von Konflikt und Kooperation sind derlei Modelle offensichtlich nicht besonders hilfreich.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Nutzen der Spieltheorie


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