Das wirkt bis heute nach. So gibt es nur sehr wenige Top-Ökonomen, die älter sind als 60 Jahre. Wenn man das gesamte Lebenswerk der Forscher betrachtet – eine Sichtweise, bei der Ältere klare Vorteile haben –, sind nur vier der 25 Spitzenökonomen älter als 60 Jahre. Selbst wenn man emeritierte Professoren mitzählt, sind es nur sechs - dank der Bonner Koryphäen Reinhard Selten (76) und Werner Hildenbrand (71).
Schon bei den heute 50-Jährigen gibt es dagegen ein deutlich breiteres Feld an international sichtbaren Volkswirten. Und bislang gilt: Mit jeder neuen Generation von Wissenschaftlern nehmen Quantität und Qualität der Forschungsleistung zu. „Die jüngeren Generationen sind erheblich produktiver als die älteren“, sagt Ökonom Ursprung.
Heute hat sich in der deutschsprachigen VWL eine Zwei-Klassen-Gesellschaft gebildet. Zum einen gibt es eine immer größere Gruppe von Wissenschaftlern, die sich im Vergleich zu Kollegen aus den USA und Großbritannien nicht zu verstecken brauchen. Zum anderen gibt es aber nach wie vor eine große Zahl von Professoren, die wissenschaftlich nichts beizutragen haben.
Das Leistungsgefälle zwischen beiden Gruppen ist enorm: Die 100 leistungsstärksten Ökonomen – nur rund neun Prozent aller Forscher – erbringen fast die Hälfte der gesamten Publikationsleistung in qualitativ halbwegs anspruchsvollen Zeitschriften. Auf der anderen Seite haben 30 Prozent aller Wirtschaftsforscher in ihrer Karriere gar nicht oder nur ein einziges Mal in einer der betrachteten Fachzeitschriften veröffentlicht. „Es ist sicher erschreckend, dass ein großer Teil der deutschen VWL-Professoren fast gar keine Beiträge in international anerkannten Fachzeitschriften veröffentlicht hat“, kommentiert der Münchener Top-Ökonom Klaus M. Schmidt. „Dabei darf man aber nicht vergessen, dass das auch für die meisten amerikanischen oder englischen Professoren gilt.“
Ein Teil des Problems wird sich im Laufe der Zeit von alleine lösen. Die meisten VWL-Professoren, die sich auf die neuen Anforderungen des Wissenschaftsbetriebs nicht mehr einstellen können oder wollen, werden in den nächsten zehn Jahren emeritiert. Ernste Schwierigkeiten bekommen allerdings die Nachwuchsforscher, die bei diesen promoviert und habilitiert haben. Denn wer nicht frühzeitig an die internationale Forschungsfront herangeführt wird und wer die modernen mathematischen Methoden des Fachs nicht sicher beherrscht, hat im Wettbewerb um freie Professorenstellen sehr schlechte Karten. Denn die Ansprüche der Fakultäten sind hoch, und die Konkurrenz ist hart. „Um meine Chancen auf dem Markt einschätzen zu können, ist es für mich sehr wichtig zu wissen, wie ich in Ihrem Ranking abschneide und wie viele unter 40-Jährige aus meinem Fachgebiet vor mir liegen“, schrieb ein Privatdozent jüngst an das Handelsblatt.
Das Rennen machen meist Absolventen der Graduiertenprogramme nach angelsächsischem Vorbild, die einige fortschrittliche Fakultäten aufgebaut haben, um die überkommene Doktoranden-Ausbildung zu ersetzen. Das tradierte Konzept besteht darin, dass ein Diplomand eine Stelle als Assistent des Professors erhält, diesen bei der Arbeit unterstützt und nebenher mit mehr oder weniger intensiver Anleitung eine Doktorarbeit erstellt, welche sein Vorgesetzter maßgeblich bewertet. An Top-Fakultäten wie Bonn, München und Mannheim ist das Vergangenheit. Doktoranden bekommen dort eine professionelle und strukturierte Ausbildung auf internationalem Niveau.
Trotz der besseren Nachwuchsausbildung und der steigenden wissenschaftlichen Standards haben es deutsche Unis schwer, die besten Jung-Forscher an sich zu binden. Sowohl beim Verdienst als auch bei den Arbeitsbedingungen bieten ausländische Fakultäten oft bessere Konditionen. „International erfolgreiche Ökonomen lassen sich in der Regel nicht mit den Einstiegsgehältern unserer W-2- und W-3-Professuren nach Deutschland locken“, sagt Volker Wieland, Ökonom in Frankfurt. Abschreckend wirken zudem die hohen Lehrverpflichtungen und die große Verwaltungsbelastung für Professoren in Deutschland.
Viele der besten Wirtschaftswissenschaftler des Landes wandern daher ins Ausland ab. Von den 100 forschungsstärksten deutschen Ökonomen unter 45 Jahren arbeitet jeder zweite nicht in seinem Heimatland, zeigte das im April veröffentlichte Handelsblatt-Ranking für Auslandsökonomen. Umgekehrt fällt es deutschen Universitäten sehr schwer, ausländische Forscher anzulocken – der Frankfurter Überflieger Roman Inderst ist da eine der wenigen Ausnahmen von der Regel.
