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HANDELSBLATT, Samstag, 12. Mai 2007, 06:00 Uhr
Bessere Qualitätskontrolle in der Wirtschaftswissenschaft nötig?

Die Ökonomie des Irrtums


Auch Volkswirte machen Fehler – doch ihre Ergebnisse werden selten in Frage gestellt. Dabei sind ihre wissenschaftlichen Patzer teils haarsträubend.


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Fehlersind  im Wissenschaftsbetrieb etwas völlig normales. Doch unter Volkswirten wird ungerne darüber geredet. Foto: dpa
Bild vergrößernFehlersind im Wissenschaftsbetrieb etwas völlig normales. Doch unter Volkswirten wird ungerne darüber geredet. Foto: dpa

Die Studie war eine mittlere wissenschaftliche Sensation – und politisch hochgradig brisant. Wegen der US-Sozialpolitik sparen die Amerikaner nur noch halb so viel wie früher. Dieses Ergebnis präsentierte der Harvard-Professor Martin Feldstein 1974 im renommierten „Journal of Political Economy“.

Seine Analyse historischer Daten hatte ergeben: Steigende staatliche Sozialleistungen haben seit 1937 nach und nach die private Ersparnisbildung verdrängt – mit erheblichen negativen Folgen für die Kapitalbildung und die langfristigen Wachstumsaussichten. Eine der zentralen Theorien des Ökonomen Milton Friedman schien bestätigt – dass Menschen Konsum und Ersparnisse rational über ihren gesamten Lebenszyklus optimieren. Ein Ergebnis von erheblicher Tragweite für die Wirtschaftspolitik.


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Zumindest sechs Jahre lang. Solange, bis die Ökonomen Dean Leimer und Selig Lesnoy versuchten, Feldsteins Ergebnisse im Detail nachzuvollziehen. Dabei stellten sie fest: Der Forscher hatte sich verrechnet. Ein Programmier-Fehler hatte seine Ergebnisse extrem nach oben verzerrt. „Ich schäme mich dafür“, gestand Feldstein ein.

Die Episode ist eines der spektakulärsten Beispiele dafür, dass auch die angesehensten Ökonomen von den besten Universitäten Fehler machen. Diese bleiben häufig unerkannt und pflanzen sich fort, wenn andere Wissenschaftler solche Ergebnisse zur Grundlage eigener Forschung machen. „Es ist schon erstaunlich, wie viele Fehler auch in prominent veröffentlichten Arbeiten stecken“, sagt ein empirisch arbeitender Ökonom, der in diesem Zusammenhang lieber anonym bleiben möchte. Denn: „Das ist ein heikles Thema.“

Zwar nehmen unabhängige Fach-Gutachter Arbeiten unter die Lupe, bevor sie in Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Aber auch diese „Referees“ können nicht jedes einzelne Ergebnis überprüfen – zumal die mathematischen Methoden hochgradig komplex sind und der Teufel oft im Detail liegt.

Aufsehen erregende Fehler à la Feldstein sind selten, passieren aber immer wieder. So wiesen Ende 2005 zwei Ökonomen von der Federal Reserve Bank of Boston dem Chicagoer Star-Ökonomen und Bestseller-Autor Steven Levitt einen schweren methodischen Schnitzer in einer seiner wichtigsten Arbeiten nach. Levitt hatte vier Jahre zuvor mit seinem Co-Autoren John Donohue eine bemerkenswerte These aufgestellt: Hauptgrund für den Rückgang der Kriminalitätsrate in den USA, der in den neunziger Jahren einsetzte, sei die Legalisierung von Abtreibungen im Jahr 1973. Denn ungewollte Kinder, die oft in schwierigen sozialen Verhältnissen aufwüchsen, würden später mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit kriminell.

Im Mai 2001 veröffentlichten Levitt und Donohue eine komplexe ökonometrische Untersuchung, die diese These belegen sollte. Ihre Arbeit erschien im „Quarterly Journal of Economics“, einer der Top-Zeitschriften des Fachs. Sie ist für ihre strengen Qualitätskriterien bei ihrer Artikelauswahl bekannt – doch den Gutachtern fiel nicht auf, dass Levitt und Donohue in ihren Berechnungen die statistischen Methoden nicht so angewendet hatten, wie sie es im Text darstellten.

Das wiesen erst die beiden Notenbank-Volkswirte Christopher Foote und Christopher Goetz Ende 2005 nach. Und sie stellten fest: Wenn man rivhtig rechnet, dann sind die Ergebnisse längst nicht mehr so eindeutig. Levitt und Donohue haben den Fehler eingestanden.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie sich solche Fehler vermeiden lassen


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