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04.12.2007 
Vermögensverteilung

Republik der Habenichtse

von Thomas Hanke

Viele Bundesbürger sind überzeugt, dass die Ungleichheit in Deutschland zunimmt. Es herrscht das Gefühl vor, dass die einen immer mehr verdienen, während die anderen auf der Stelle treten. Doch das wirkliche Problem ist nicht die ungerechte Einkommensverteilung, sondern dass zu wenige Deutsche Vermögen bilden.

Leere Taschen. Zwei Drittel der Deutschen haben fast keine substanziellen Werte. Foto: dpaLupe

Leere Taschen. Zwei Drittel der Deutschen haben fast keine substanziellen Werte. Foto: dpa

Alle Menschen sind gleich. Das wissen wir seit Voltaire. Doch manche Menschen sind gleicher, das wissen wir seit George Orwells bissiger Satire „Animal Farm“. Viele Deutsche sind überzeugt, dass Orwell über Voltaire gesiegt hat und die Ungleichheit zunimmt. Oder, um es mit den Worten von Bundespräsident Horst Köhler zu sagen: Es gibt in der Bevölkerung das „nachvollziehbare Gefühl, dass etwas nicht stimmt, wenn die Einkommen der einen stark steigen, die der anderen dagegen eher stagnieren“.

Wer allerdings genauer hinsieht, stellt fest: So populär es ist, sich über eine zunehmende Schieflage bei den Einkommen zu empören – gerade in der Bundesrepublik ist das eine der geringsten Sorgen. Seit den siebziger Jahren hat sich an der Verteilung der Einkommen wenig verändert. Ein echter Missstand dagegen ist die ungleiche Verteilung der Vermögen. Zwei Drittel der Deutschen haben fast keine substanziellen Werte. Eine schrumpfende und alternde Gesellschaft läuft aber in die Falle, wenn mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder keine Rücklagen bildet und nicht für das Alter vorsorgt. Dabei geht es nicht nur um Altersarmut, sondern auch um politische Stabilität: In einigen Jahren könnten die Habenichtse eine radikale Umverteilung fordern.

Die Streuung von Immobilien- und Finanzwerten ist kein rein deutsches Problem. Auffällig ist zunächst, dass Nettovermögen in der ganzen Welt höchst ungleich verteilt sind: Ein Deutscher ist im Durchschnitt gut 86 000 Dollar „wert“, ein Chinese 2600 Dollar, ein Kongolese gar nur 180, so die Ergebnisse einer » Studie amerikanischer, kanadischer und finnischer Ökonomen vom Dezember 2006.

Klarer Fall: China ist schlechter dran als Deutschland. Doch andererseits gehören derselben Untersuchung nach der unteren Hälfte der Gesellschaft in China gut 14 Prozent des nationalen Reichtums, in Deutschland dagegen nicht einmal vier Prozent. Die Spreizung ist also hier zu Lande größer als in der aufstrebenden Wirtschaftsmacht. Ist aber die deutsche Gesellschaft deshalb ungerechter als die chinesische?

Angaben über die Verteilung von Vermögen sind nicht nur schwer zu interpretieren. Auch die politischen Schlussfolgerungen sind heikel. Eine davon ist, dass es durchaus im Sinne einer „gleicheren“ Verteilung sein kann, gerade bei sozial Schwachen (Kinder-)Geldleistungen zu streichen und sie durch Gutscheine zu ersetzen, um verfestigte Armut zu vermeiden.

Die Politik tut sich auch deshalb schwer mit dem Thema, weil wir schlicht ziemlich wenig darüber wissen, wie und warum sich die Streuung des Reichtums verändert. Die Deutschen streiten zwar leidenschaftlich gerne – wie andere reiche Länder auch – darüber, ob die Gesellschaft immer ungerechter wird und die Globalisierung daran schuld ist. Doch die Heftigkeit der Diskussion steht in keinem Verhältnis zur Intensität der Forschung.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Warum das Unwissen über die Vermögensverteilung so absurd ist.

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