0 Bewertungen
08.02.2008 
Brandkatastrophe in Ludwigshafen

Alte deutsch-türkische Konflikte brechen auf

von Thomas Sigmund

Die bilateralen Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland stehen seit der Ludwigshafener Brandkatastrophe vor einer neuen Belastungsprobe. Regierungschef Erdogan will bei seiner Viste für Entspannung sorgen - viele Medien am Bosporus heizen die Stimmung jedoch an.

Sichtlich bewegt macht sich der türkische Regierungschef Tayip Erdogan in Ludwigshafen ein Bild von der Brandruine. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck begleitet ihn. Foto: ReutersLupe

Sichtlich bewegt macht sich der türkische Regierungschef Tayip Erdogan in Ludwigshafen ein Bild von der Brandruine. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck begleitet ihn. Foto: Reuters

BERLIN. Die Bürger in Ludwigshafen sind wütend, traurig und haben viele offene Fragen. Die Feuerwehrleute wurden als „Mörder“ beschimpft, geschlagen und bespuckt. Der Vorwurf: Sie seien zu langsam gewesen. Türkische Medien heizen die Spekulationen über einen rechtsextremen Hintergrund der Brandkatastrophe an.

In dieser aufgewühlten Stimmung stehen der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan und SPD-Chef Kurt Beck am Donnerstagabend vor dem ausgebrannten Haus, in dem neun türkischstämmige Menschen starben.

Der türkische Regierungschef ist sichtlich bemüht, die Stimmung nicht weiter anzuheizen. Ausdrücklich dankt Erdogan den deutschen Rettungskräften für ihren Einsatz: „Wenn es das große Engagement der Polizei und Feuerwehr nicht gegeben hätte, wäre der Schmerz noch größer gewesen.“ SPD-Chef Beck und er legen einen Kranz vor dem Brandort nieder. Beck äußert die Hoffnung, dass dieser Besuch die Gemüter beruhigen werde. Lale Akgün, Islambeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, sagt dagegen, Erdogan nutze die Brandkatastrophe auch zur innenpolitischen Profilierung. Er stehe in der Türkei unter erheblichem Druck, weil er das Kopftuch an den Universitäten zulassen wolle.

Doch die Sache ist weitaus komplizierter, wie Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) nicht nur bei seinem Besuch in Ankara in dieser Woche feststellen musste. Bei dem von ihm ins Leben gerufenen Integrationstreffen mit muslimischen Verbänden in Berlin kommen die Punkte auf den Tisch, die für erhebliche Verstimmungen zwischen beiden Ländern sorgen.

Schäuble will über die Imamausbildung, fehlende Sprachkenntnisse, doppelte Staatsbürgerschaft reden. Doch die Forderungen erzeugen Misstrauen. Die aufgesplitterten muslimischen Verbände, die sich immer noch nicht auf einen Vertreter ihrer Interessen einigen konnten, halten Schäuble das neue Zuwanderungsgesetz entgegen, das ihrer Meinung nach den Familiennachzug erschwert.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Dass sich die Lage in den nächsten Tagen beruhigt, ist unwahrscheinlich

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Provinzflughäfen: Absturzgefährdet

09.07.2008 , 17:54 Uhr
Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück  vor
  • G8: Viel Lärm um nichts

    G8: Viel Lärm um nichts

    Einmal im Jahr bietet die Weltpolitik eine ganz große Inszenierung - den Gipfel der führenden Industriestaaten und Russlands (G8). Geschätzte 356 Millionen Euro Steuergelder flossen diesmal in das Polit-Spektakel im japanischen Toyako. Vergleichsweise unspektakulär ...Bildergalerie 

  • Alte Hasen und ehrgeizige...

    Alte Hasen und ehrgeizige Neulinge

    Für Kanzlerin Merkel ist es die Nahrungsmittelkrise, dem britischen Premier Brown liegt Simbabwe am Herzen, Japans Ministerpräsident Fukuda zeigt auf den Klimawandel und US-Präsident Bush will vor allem einen guten Abgang hinlegen. Neben der offiziellen Agenda verfolge...Bildergalerie 

  • Das Drama um Ingrid Betan...

    Das Drama um Ingrid Betancourt

    „Gott, was für ein Wunder!“ Ingrid Betancourt kann es kaum glauben. Nach sechs Jahren wird sie aus der Farc-Geiselhaft im Dschungel von Kolumbien befereit. Die Nachricht stößt weltweit auf Freude und Erleichterung. Betancourts erster Auftritt in Freiheit und ihre Leide...Bildergalerie 

  • Steinbrück drückt Etatplä...

    Steinbrück drückt Etatpläne durch

    Sechs Flaschen Rotwein setzt Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) darauf, dass der Bundeshaushalt im Jahr 2011 erstmals seit gut vier Jahrzehnten wieder ohne neue Schulden auskommen wird. Wie der heute vom Kabinett verabschiedete Entwurf für den Haushalt 2009 und...Bildergalerie 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Ein kleiner Fortschritt  Artikel in Merkliste

08.07.2008 von von Klaus Stratmann

Ja, die G8-Staaten haben es getan. Sie haben sich beim Klimaschutz bewegt. Zwar nur einige Millimeter weit, aber immerhin: Es gibt einen Fortschritt. Kommentar