0 Bewertungen
13.03.2008 

Als fundamentalsten Einwand führen die Institutschefs an, dass ein Mindestlohn „sozialpolitisch ineffizient“ sei: Einerseits bestehe bereits mit Hartz IV eine wirksame Grundsicherung, die für Bedürftige mit Familie einem Stundenlohn von mehr als zehn Euro entsprechen könne. Diese könnten faktisch kaum von Mindestlöhnen profitieren. Andererseits seien viele potenzielle Mindestlohn-Bezieher gar nicht bedürftig – etwa Jugendliche oder Ehepartner aus besser gestellten Haushalten, die Nebentätigkeiten ausüben.

Sehr wohl aber werde der Mindestlohn zu „erheblichen Beschäftigungsverlusten führen“ – mit besonders „erschütternden Ausmaßen“ in Ostdeutschland, warnen die Professoren. Verschärfend wirke, dass die Gesetzespläne die grundrechtlich geschützte Tarifautonomie durch „staaliches Lohndiktat“ bedrohten.

Der koalitionsinterne Streit darüber war durch das jüngste Gerichtsurteil gegen den Post-Mindestlohn neu angefacht worden. Nach Auffassung des Berliner Verwaltungsgerichts durfte die Regierung keine Verordnung erlassen, die den Mindestlohn der Gewerkschaft Verdi von bis zu 9,80 Euro zur Vorgabe auch für anderweitig tarifgebundene Briefdienstleister macht. Umstritten ist aber, ob die Politik das Urteil durch einfache Gesetzesänderungen entkräften kann, wie sie die neuen Entwürfe des von Scholz ohnehin vorsehen.

Vor allem der Wirtschaftsflügel der Union sieht sich seither in seiner generell kritischen Haltung zu Mindestlöhnen bestärkt. Aber auch der zum Arbeitnehmerflügel zählende CDU-Sozialexperte Ralf Brauksiepe wertet das Urteil zumindest als Beleg, dass Mindestlöhne keine bestehenden Tarifverträge aushebeln dürften.

SPD-Fraktionschef Peter Struck forderte am Mittwoch ein Machtwort von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Sie müsse klar machen: „Wer hat was zu sagen?“ Bisher gab es allerdings keine greifbaren Hinweise, dass die Union jenseits von Detailkritik an Scholz’ Gesetzentwürfen den eingeschlagenen Kurs ändert. So hatte zwar auch Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) das Urteil gegen den Post-Mindestlohn als „Sieg für den Wettbewerb“ gelobt. Kurz darauf hatte er sich jedoch zu den bestehenden Koalitionsvereinbarungen über die neuen Mindestlohngesetze bekannt.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige
Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück  vor
  • Alte Hasen und ehrgeizige...

    Alte Hasen und ehrgeizige Neulinge

    Für Kanzlerin Merkel ist es die Nahrungsmittelkrise, dem britischen Premier Brown liegt Simbabwe am Herzen, Japans Ministerpräsident Fukuda zeigt auf den Klimawandel und US-Präsident Bush will vor allem einen guten Abgang hinlegen. Neben der offiziellen Agenda verfolge...Bildergalerie 

  • Das Drama um Ingrid Betan...

    Das Drama um Ingrid Betancourt

    „Gott, was für ein Wunder!“ Ingrid Betancourt kann es kaum glauben. Nach sechs Jahren wird sie aus der Farc-Geiselhaft im Dschungel von Kolumbien befereit. Die Nachricht stößt weltweit auf Freude und Erleichterung. Betancourts erster Auftritt in Freiheit und ihre Leide...Bildergalerie 

  • Steinbrück drückt Etatplä...

    Steinbrück drückt Etatpläne durch

    Sechs Flaschen Rotwein setzt Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) darauf, dass der Bundeshaushalt im Jahr 2011 erstmals seit gut vier Jahrzehnten wieder ohne neue Schulden auskommen wird. Wie der heute vom Kabinett verabschiedete Entwurf für den Haushalt 2009 und...Bildergalerie 

  • Was sich zum 1. Juli ände...

    Was sich zum 1. Juli ändert

    Am 1. Juli treten zahlreiche Änderungen in Kraft, die zum Teil in den letzten Monaten heftig umstritten waren: Rentner können sich über etwas mehr Geld im Portemonnaie freuen. Die Pflegereform bringt Verbesserungen für Pflegebedürftige und die Krankenversicherung steh...Bildergalerie 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Ein kleiner Fortschritt  Artikel in Merkliste

08.07.2008 von von Klaus Stratmann

Ja, die G8-Staaten haben es getan. Sie haben sich beim Klimaschutz bewegt. Zwar nur einige Millimeter weit, aber immerhin: Es gibt einen Fortschritt. Kommentar