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HANDELSBLATT, Samstag, 26. April 2008, 09:56 Uhr
Gesundheitssystem

„Ungesund ist unsozial“

Von Katharina Koufen und Michael Inacker, Wirtschaftswoche

Friedrich Merz, Finanzexperte und CDU-Abgeordneter, zog sich im Jahr 2004 wegen Differenzen mit CDU-Chefin Angela Merkel zurück. Im Interview spricht Merz, Herausgeber des Buches „Wachstumsmarkt Gesundheit“, nun über die Fehler im Gesundheitssystem – und die Suche nach Lösungen.



Fiedrich Merz (CDU). Foto: dpa
Bild vergrößernFiedrich Merz (CDU). Foto: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Merz, bereiten Sie Ihr Comeback als Gesundheitsminister vor? Schließlich heißt Ihr neues Buch „Wachstumsmarkt Gesundheit“.

Friedrich Merz: Nein, ich bin auch nur der Herausgeber. Aber Gesundheit ist eines der zentralen sozialen Themen, und der gesamte Sektor ein wichtiger Teil unserer Volkswirtschaft.

Warum ist es so schwer, den Menschen ein Thema wie die Gesundheitspolitik näherzubringen? Sie betrifft doch alle.

Die Politik hat den Fehler gemacht, Gesundheitspolitik immer nur unter Kostengesichtspunkten und den Einschränkungen für die Betroffenen zu diskutieren. Wir haben das Thema kaum ganzheitlich betrachtet: dass es ein Job-Motor sein kann; dass die Grenzen zwischen Wiederherstellung und Bewahrung der Gesundheit, Wellness und Sport fließend werden; dass die Bevölkerung bereit ist, dafür zunehmend etwas zu tun. Das wollen wir mit dem Buch nachholen.

Sie beklagen, dass der Anreiz fehlt, gesund zu leben und Kosten zu vermeiden. Wie wollen Sie kontrollieren, ob beispielsweise jemand raucht oder keinen Sport macht?

Noch einmal: Ich bin der Herausgeber eines Buches mit sehr vielen Autoren und sehr unterschiedlichen Auffassungen. Aber wir werden über die richtigen Anreizsysteme schon reden müssen. Ich will das am Beispiel der Diabetes deutlich machen. Die Zahl dieser Erkrankungen wird exponentiell steigen und zwar fast ausschließlich wegen falscher Ernährung und mangelnder Bewegung. Und spätestens in zehn Jahren werden sich die Gesunden fragen, ob sie bereit sind, für die Lebenshaltung eines Teils der Bevölkerung signifikant höhere Beiträge zu zahlen.

Setzt man sich da nicht dem Vorwurf aus, unsozial zu sein?

Unsozial verhalten sich diejenigen, die Raubbau mit ihrer Gesundheit treiben und sich darauf verlassen, dass die Solidargemeinschaft dafür aufkommt. Ich will keine Strafen, nur richtige Anreize. Ein Beispiel sind die Bonushefte beim Zahnarzt.

Eine weitere unbequeme Wahrheit ist die mangelnde Generationengerechtigkeit. Ihr Buch fragt: Ist es gerechtfertigt, sechsstellige Beträge auszugeben, um einen alten Patienten einige Wochen länger am Leben zu erhalten?

Diese Frage wird natürlich gestellt, auch von einigen Autoren des Buches. Das muss erlaubt sein. Die Antwort der Politik darauf erfordert eine breite gesellschaftspolitische Diskussion.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Warum Gesundheit teurer wird.


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