0 Bewertungen
15.05.2008 
Finanzplanung des Bundes

Woher 30 Milliarden nehmen?

von Sven Afhüppe

In der mittelfristigen Finanzplanung des Bundes klafft ein gewaltiges Haushaltsloch: Nach Berechnungen des haushaltspolitischen Sprechers der SPD, Carsten Schneider, fehlen durch bisher nicht finanzierte Regierungsvorhaben und zusätzliche Ausgabenrisiken 28,7 Mrd. Euro in der Finanzplanung zwischen 2008 und 2012. Die Ausgabenwünsche der Bundesminister erschweren das Problem.

BERLIN. In der mittelfristigen Finanzplanung des Bundes klafft ein Haushaltsloch von knapp 30 Mrd. Euro. Nach Berechnungen des haushaltspolitischen Sprechers der SPD, Carsten Schneider, fehlen durch bisher nicht finanzierte Regierungsvorhaben und zusätzliche Ausgabenrisiken 28,7 Mrd. Euro in der Finanzplanung zwischen 2008 und 2012. „Auf die Große Koalition warten die schwierigsten Haushaltsverhandlungen der Legislaturperiode“, sagte Schneider dem Handelsblatt. Finanzielle Spielräume für zusätzliche Ausgabenwünsche gebe es angesichts dieser angespannten Finanzlage des Bundes nicht.

Bis zur Sommerpause will die Koalition den Haushalt 2009 und die mittelfristige Finanzplanung beschließen. Ziel der Bundesregierung ist es, bis spätestens 2011 einen schuldenfreien Bundeshaushalt zu präsentieren. Die bisher nicht finanzierten Ausgabenpläne der Regierung und die schwächer laufende Konjunktur erschweren den Abbau der Neuverschuldung. Das Problem wird dadurch verschärft, dass zu diesen Haushaltsrisiken die Ausgabenwünsche sämtlicher Bundesminister hinzukommen. Nach Angaben des Finanzministeriums liegen diese um rund 40 Mrd. Euro über den Eckwerten der mittelfristigen Finanzplanung. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) rechnet deshalb mit so langwierigen Haushaltsverhandlungen, dass er seine Teilnahme am nächsten Treffen der G7-Finanzminister Mitte Juni abgesagt hat. Ende Mai plant Steinbrück Spitzengespräche mit den Kabinettskollegen.

Nach den Berechnungen des SPD-Haushaltsexperten schlagen vor allem die beschlossene Tarifrunde im öffentlichen Dienst und die außerplanmäßige Anhebung der gesetzlichen Renten durch die Aussetzung des sogenannten Riester-Faktors auf die Finanzplanung des Bundes durch. Fast eine Mrd. Euro pro Jahr veranschlagt Schneider für die geplante Erhöhung des Kindergeldes ab dem kommenden Jahr.

In einem Brief an die SPD-Bundestagsabgeordneten, der dem Handelsblatt vorliegt, fordert Schneider „zusätzliche Sparanstrengungen“, um das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts spätestens 2011 zu erreichen. „Der ausgeglichene Haushalt ist kein Selbstzweck. Vielmehr geht es darum, dem Staat wieder größere Handlungsspielräume zu erschließen und Zukunftsinvestitionen in die Schlüsselbereiche für die Entwicklung unserer Gesellschaft zu ermöglichen.“

Heftig kritisiert der SPD-Politiker die Forderungen von CSU-Chef Erwin Huber nach einer schrittweisen Steuerentlastung im Umfang von insgesamt 28 Mrd. Euro in den nächsten Jahren. „Die Vorschläge der CSU bewegen sich auf dem Niveau der Linkspartei“, schreibt Schneider. Vorzeitige Steuersenkungen ohne Gegenfinanzierung würden dem Konsolidierungskurs die Grundlage entziehen. Schneider erwartet, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in den regierungsinternen Streit um den Kurs der Haushaltspolitik einschaltet und alles aus dem Weg räumt, was den geplanten Abbau der Neuverschuldung gefährdet.

Mit Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) hatte am Wochenende erstmals ein Kabinettsmitglied erklärt, es sei falsch, das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts „isoliert über alles andere zu stellen“. Ein ausgeglichener Etat könne nicht alleiniger Maßstab dafür sein, ob sich Deutschland Steuersenkungen leisten sollte. Regierungssprecher Thomas Steg betonte dagegen, dass ein ausgeglichener Bundeshaushalt 2011 Priorität habe und erst die Grundlage darstelle, danach an Steuerentlastungen zu denken.

Unter Druck gerät Steinbrück nun aber auch aus der eigenen Partei: So macht sich Nordrhein-Westfalens SPD-Chefin Hannelore Kraft für Steuersenkungen schon ab dem nächsten Jahr stark. Ihr gehe es um die Mittelschicht, sagte Kraft dem „Tagesspiegel“: Angestellte, Facharbeiter und kleine Handwerker seien die Haupt-Lastenträger der Gesellschaft und finanziell besonders belastet. Im Gegensatz zu SPD-Chef Kurt Beck, der Entlastungen vor der nächsten Bundestagswahl ablehnt, will Kraft die Kurve beim progressiv steigenden Einkommensteuertarif schon von 2009 an abflachen. Zur Finanzierung soll die „Reichensteuer“ früher greifen. Zudem schlägt Kraft eine Vermögensteuer sowie mittelfristig eine stärkere Belastung von Erbschaften vor.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Absturzgefährdet

09.07.2008 , 17:54 Uhr
Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück  vor
  • G8: Viel Lärm um nichts

    G8: Viel Lärm um nichts

    Einmal im Jahr bietet die Weltpolitik eine ganz große Inszenierung - den Gipfel der führenden Industriestaaten und Russlands (G8). Geschätzte 356 Millionen Euro Steuergelder flossen diesmal in das Polit-Spektakel im japanischen Toyako. Vergleichsweise unspektakulär ...Bildergalerie 

  • Alte Hasen und ehrgeizige...

    Alte Hasen und ehrgeizige Neulinge

    Für Kanzlerin Merkel ist es die Nahrungsmittelkrise, dem britischen Premier Brown liegt Simbabwe am Herzen, Japans Ministerpräsident Fukuda zeigt auf den Klimawandel und US-Präsident Bush will vor allem einen guten Abgang hinlegen. Neben der offiziellen Agenda verfolge...Bildergalerie 

  • Das Drama um Ingrid Betan...

    Das Drama um Ingrid Betancourt

    „Gott, was für ein Wunder!“ Ingrid Betancourt kann es kaum glauben. Nach sechs Jahren wird sie aus der Farc-Geiselhaft im Dschungel von Kolumbien befereit. Die Nachricht stößt weltweit auf Freude und Erleichterung. Betancourts erster Auftritt in Freiheit und ihre Leide...Bildergalerie 

  • Steinbrück drückt Etatplä...

    Steinbrück drückt Etatpläne durch

    Sechs Flaschen Rotwein setzt Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) darauf, dass der Bundeshaushalt im Jahr 2011 erstmals seit gut vier Jahrzehnten wieder ohne neue Schulden auskommen wird. Wie der heute vom Kabinett verabschiedete Entwurf für den Haushalt 2009 und...Bildergalerie 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Ein kleiner Fortschritt  Artikel in Merkliste

08.07.2008 von von Klaus Stratmann

Ja, die G8-Staaten haben es getan. Sie haben sich beim Klimaschutz bewegt. Zwar nur einige Millimeter weit, aber immerhin: Es gibt einen Fortschritt. Kommentar