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04.06.2007 
Reform im Gesundheitssystem

Die Revolutionäre von Boston

von Markus Ziener

Der US-Bundesstaat Massachusetts reformiert sein Gesundheitssystem: Statt das gesamte System auf den Kopf zu stellen, sollen zunächst nur die 350 000 bis 400 000 Unversicherten im Bundesstaat unter das Dach einer Krankenkasse gebracht werden. Ein Werkstattbericht.

Arzt bei der Arbeit: Jeder sechste Amerikaner hat keine Krankenversicherung. Foto: dpaLupe

Arzt bei der Arbeit: Jeder sechste Amerikaner hat keine Krankenversicherung. Foto: dpa

BOSTON. Es sind seine Augen und seine Hände, die Peter Brook verraten. Es sind die Unruhe der Iris und die kontrollierte Ruhe der Hände, die eine Geschichte erzählen. Die Geschichte eines Menschen, der schon mehr als einmal an die unsichtbare Grenze des Lebens gestoßen ist. Zuletzt im Dezember 2006. Innerhalb kürzester Zeit hat Brook 30 Pfund seines Körpergewichts verloren. Sein Leben stand auf dem Spiel.

„Ich sah aus wie ein Überlebender eines Todeslagers“, sagt der 46-Jährige heute, ein halbes Jahr später. 35 Jahre lang hatte der Mann aus Boston mit seiner Krankheit, mit Diabetes, gelebt. Ein Virus hatte in Kinderjahren Brooks Immunsystem beschädigt. „Seitdem bin ich abhängig vom Insulin“, sagt er. 35 Jahre lang hatten das Insulin und seine Körperkräfte gereicht, um die Krisen zu bewältigen. Doch nicht dieses Mal. Dieses Mal hätte Brook dringend ärztliche Hilfe gebraucht. Doch ohne Job hatte Brook auch keine Krankenversicherung. Er versank ins Warten. Zu Hause in eine Decke gehüllt, vergingen neun quälend lange Tage, bis er sich in eine Bostoner Klinik einliefern ließ. Brook war krank genug, um vom Krankenhaus nicht abgewiesen zu werden. Ein Notfall. Und für Brook die späte Rettung.

Dass Menschen wie Brook in eine solche Situation geraten, bezeichnet Regina Herzlinger als „schändliche Narbe“ für die USA. Die Harvard-Professorin, gerade mit ihrem provozierenden Buch „Who Killed Healthcare?“ auf dem Markt, meint damit die Tatsache, dass 47 Millionen Amerikaner und damit fast jeder sechste in der größten Volkswirtschaft der Welt nicht für den Krankheitsfall abgesichert ist. Gleichzeitig geben die USA aber zwei Billionen Dollar und damit 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts jährlich für Gesundheitsvorsorge aus. Angesichts dieser Kostenlawine drängen Unternehmen und Verbände immer lauter auf Änderungen. Die Präsidentschaftskandidaten – zuletzt Barack Obama – reagieren mit der Vorlage immer neuer Reformpläne. Doch alles, was sie sagen, sind nicht mehr als ferne Absichten.

Manche Bundesstaaten aber wollen nicht länger warten. So auch Massachusetts. Als Brook schließlich in der Notaufnahme des Bostoner Krankenhauses landet, hat er Glück im Unglück. Glück, weil Brook in Massachusetts lebt und dort im Kleinen probiert wird, was im Großen niemand wagt: die Einführung einer allgemeinen Versicherungspflicht.

Dabei konzentrieren sich die Reformer in Boston auf das Machbare. Statt das gesamte System auf den Kopf zu stellen, sollen zunächst nur die 350 000 bis 400 000 Unversicherten im Bundesstaat unter das Dach einer Krankenkasse gebracht werden. Nicht angetastet wird das Prinzip der Arbeitgeberbindung. Auch künftig sollen all jene, die einen Job haben, über ihren Arbeitgeber versichert werden (siehe: „Abnehmen zum Wohle der Firma“) – von Ausnahmen abgesehen. So drückt sich vor allem so manch kleiner Betrieb darum, seinen Beschäftigten Angebote für eine Krankenversicherung zu machen. Als Ersatz gibt es Geld, das die Arbeitnehmer zwar kassieren, doch im blinden Vertrauen auf ihre Gesundheit oft lieber für den Konsum als für eine Versicherung ausgeben.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Nach amerikanischer Tradition ist Gesundheit Privatsache – der Staat soll sich heraushalten.

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