0 Bewertungen
17.09.2007 
Nationalkonservative Regierung

Kaczynskis Wahlgeschenke gefährden Standort Polen

von Reinhold Vetter

Im Vorfeld der Parlamentswahl am 21. Oktober verteilt Polens nationalkonservatives Kabinett von Premier Jaroslaw Kaczynski Wahlgeschenke an sozial Schwache, anstatt den Haushalt zu sanieren und die sozialen Sicherungssysteme fit für die Zukunft zu machen. Unternehmer fürchten inzwischen um den Standort.

Jaroslaw Kaczynski. Foto: apLupe

Jaroslaw Kaczynski. Foto: ap

WARSCHAU. „Dieses Kabinett hat keinerlei Gesetze verabschiedet, die Polen auf künftige Herausforderungen vorbereiten“, sagt die Präsidentin des Arbeitgeberverbandes, Henryka Bochniarz. Sie meint damit vor allem eine nachhaltige Sanierung der öffentlichen Finanzen. Die Wirtschaft fürchtet, dass der Standort an Attraktivität verliert.

„Das hohe Wachstum wäre eine gute Gelegenheit, Reformen anzupacken“, mahnt der Warschauer Wissenschaftler Stanislaw Gomulka. Tatsächlich hat das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2006 um 6,1 Prozent zugelegt und dürfte auch in diesem Jahr um 6,0 bis 6,4 Prozent wachsen, prognostizieren das Institut für marktwirtschaftliche Forschungen in Danzig und verschiedene Warschauer Banken. Motor des Wachstums sind die private Nachfrage aufgrund steigender Reallöhne und die Investitionen. Offenbar, so heißt es unter Analysten, hat die anhaltende politische Krise des Landes der Konjunktur bisher nicht geschadet.

Trotz ihrer Abneigung gegen ausländisches Kapital hätten die regierenden Nationalkonservativen zudem die weitere Einbindung Polens in die globalen Märkte nicht verhindern können. So scheiterte ihr Versuch, die Fusion der polnischen Tochterbanken der italienischen Unicredit-Gruppe zu blockieren. Wie attraktiv Polen für ausländische Direktinvestitionen ist, zeigt der Rekordzufluss von gut elf Mrd. Euro im vergangenen Jahr – der höchste jährliche Zuwachs seit 1989. Für 2007 erwartet das Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) sogar einen Zufluss von 12 Mrd. Euro. Damit ist Polen Spitzenreiter in Osteuropa.

Um die Attraktivität des Standorts zu erhalten, müssten die Regierenden Reformen angehen, fordert die Wirtschaft. Doch die Regierung von Premier Kaczynski hat beispielsweise die Einführung des Euros auf die lange Bank geschoben. „Die Politiker weichen der Entscheidung aus, weil sie um ihre Popularität fürchten“, sagt der Berater von Price Waterhouse Coopers, Witold Orlowski. Laut Konvergenzplan der Regierung soll das Defizit im Staatshaushalt erst 2009 knapp unter den Maastricht-Grenzwert von drei Prozent des BIP sinken. Damit könnte der Euro erst 2011 eingeführt werden. Die von Finanzministerin Zyta Gilowska angekündigte nachhaltige Reform der öffentlichen Finanzen wurde vorerst ad acta gelegt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Fast zehn Prozent mehr für Staatsbedienstete

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück vor
  • Becksteins mögliche Erben...

    Becksteins mögliche Erben in Bayern

    Nach dem Wahl-Debakel und nur zwölf Monaten Amtszeit gibt sich Ministerpräsident Günther Beckstein geschlagen. Die Parteikollegen trauerten nicht lang. Bereits am Dienstagnachmittag stellten sich drei Amtsanwärter zur Verfügung. Und mit Horst Seehofer hält sich auch ei...Bildergalerie 

  • Das politische Stehaufmän...

    Das politische Stehaufmännchen

    Im vergangenen Jahr war Horst Seehofer noch Erwin Huber bei der Wahl zum Parteivorsitzenden unterlegen, nun scheint der designierte neue Parteichef endlich am Ziel. Er wolle die CSU „in ihrem Mythos, in ihrer Einmaligkeit, in ihrer Erfolgsgeschichte“ der vergangenen fü...Bildergalerie 

  • Gift für die Weltwirtscha...

    Gift für die Weltwirtschaft

    Rund um den Globus nehmen die Schreckensnachrichten zu. Ihr Tenor: Die Turbulenzen der vergangenen Wochen haben die Risiken für die Weltwirtschaft deutlich erhöht, die Wachstumsraten der vergangenen Jahre werden sich so schnell nicht wiederholen lassen. Welche Risiken ...Bildergalerie 

  • Österreich hat gewählt – ...

    Österreich hat gewählt – vor allem rechts

    In Österreich hat das rechte Lager deutliche Stimmengewinnen eingefahren: Die beiden rechtspopulistischen Parteien FPÖ und Jörg Haiders BZÖ kamen gemeinsam auf fast 30 Prozent der Stimmen und wären vereint die stärkste Partei. Die Sozialdemokraten sind trotz Verlusten ...Bildergalerie 

 

weiterGlobal Reporting

Wolfgang Zimmermanns Kampf 

05.10.2008Global Reporting

Als ich vor 30 Jahren erstmals durch Kanada reiste, traf ich bei Freunden auf der Vancouver-Insel bei einer Grillparty einen jungen Mann, der im Rollstuhl saß. Blog


weiterMadagaskar

Im Web wächst Widerstand: www.finanzkrise 

24.09.2008Madagaskar

Kein Wunder, dass sich der Kongress weigert, das 700 Mrd. Dollar schwere Finanzpaket unbesehen durchzuwinken. In Amerikas Öffentlichkeit wächst der Widerstand gegen die horrende Rechnung für die Exzesse an der Wall Street. Blog