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20.02.2008 
Russland-Serie: Wladiwostok

Wo für die Japaner Europa anfängt

von Finn Mayer-Kuckuk

Die russische Hafenmetropole Wladiwostok befindet sich im hintersten Winkel des Landes. Doch trotz ihrer Nähe zu den Märkten Asiens weiß die Stadt nicht so recht, wo sie hingehört. Nun soll sich vieles ändern: Präsident Putin hat der Hafenstadt ein Milliardenprojekt in Aussicht gestellt – doch die Einwohner sind misstrauisch. Die Russland-Serie.

WLADIWOSTOK. Der Bug der Autofähre zerbricht die Eisschicht, die sich auf dem Meer gebildet hat. Das Schiff rumpelt, als es jenseits der Hafeneinfahrt von Wladiwostok die Schollen beiseite schiebt. Etwa zwanzig Fahrgäste drängen sich in der engen Kabine auf abgewetzten Holzbänken – Russen mit dicken Mützen, die Frauen im Pelz. Sie sind auf dem Weg nach Hause oder zu Verwandten auf der Insel Russki einige Seemeilen vor dem Festland. Die Fähre setzt heute nur zweimal über – wer sie morgens verpasst, muss fünf Stunden auf das nächste Boot warten. Auf der Insel selbst finden sich nur einzelne Häuser und eine Militäranlage.

Das alles soll sich jedoch ändern. Denn auch im äußersten Osten Russlands, wo auf einem Gebiet von der Größe Europas gerade mal 6,7 Millionen Menschen leben, herrscht Wahlkampf. Präsident Wladimir Putin persönlich hat den Einwohnern von Wladiwostok vor einem Jahr eine 70 Meter hohe Brücke zur Verbindung mit Russki versprochen – und nicht nur das. Hotels, ein Aquarium, neue Autobahnen sollen den Tourismus ankurbeln. Hinzu kommen Kläranlagen und Sportboothäfen. Das Wunder soll bis 2012 eintreten, wenn sich die Vertreter der Pazifikstaaten in Wladiwostok zu einem Gipfel treffen. Doch die Einwohner der Stadt trauen den Versprechungen nicht so recht. „Die Zeit wird nie und nimmer reichen, um das alles umzusetzen“, sagt Konstantin Schatoba, Geschäftsmann und Aktivist gegen Korruption.

Von Moskau aus gesehen liegt Wladiwostok im hintersten Winkel des Landes. Die Hafenmetropole ist acht Flugstunden von der Hauptstadt entfernt. Doch für Besucher aus Asien liegt sie nicht am Ende, sondern am Anfang Europas: Aus Japan, Südkorea oder China dauert der Flug kaum zwei Stunden. Trotz oder gerade wegen der Lage zwischen den Welten weiß die Stadt nicht so genau, wo sie hingehört.

„Nach dem Ende der Sowjetunion fielen die Subventionen für den Marinestützpunkt Wladiwostok weg, zudem verschwand die Rüstungsindustrie“, sagt Alexander Latkin, Professor an der Staatlichen Wirtschaftsuniversität Wladiwostok. Die Struktur habe sich grundlegend gewandelt: von Industrie hin zu Dienstleistungen und Handel. Zugleich sei die Bedeutung des Hafens zurückgegangen. Die Bucht sei zu eng und zu flach für die gewaltigen Containerfrachter, die die globalisierte Welt zusammen halten.

Die ganze Region leidet zudem darunter, dass die Leute in Scharen wegziehen: Seit 1992 ist die Bevölkerung um 16 Prozent geschrumpft. „Es gibt zu wenig stabile Arbeitsplätze und kaum soziale Infrastruktur“, sagt Latkin. Vor allem gut ausgebildete Bürger kehren der Stadt den Rücken.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Vorposten gegen China und Japan.

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