PolitikInternational
WebNewsDieser Artikel als DruckversionSchlagzeile per E-Mail verschicken
HANDELSBLATT, Samstag, 3. Mai 2008, 12:06 Uhr
Auf der Suche nach Führung

Labours Götterdämmerung

Von Matthias Thibaut

Mit einem sensationellen Wahlsieg hat der Konservative Boris Johnson London erobert. Zum erstenmal seit Menschengedenken regiert in der ethnisch vielfältigen Weltstadt die Rechte.


 Mehr zum Thema: Großbritannien
Artikel

Der Perikles von London (08.05. 16:04)

Artikel

Brown muss das Ruder rumreißen (05.05. 11:48)

Artikel

Labour-Revolte gegen Brown (04.05. 14:41)

Zum Special ...



Ken Livingstone hat sein Amt als Bürgermeister von London verloren. FOTO: dpa
Bild vergrößernKen Livingstone hat sein Amt als Bürgermeister von London verloren. FOTO: dpa

Sogar seinen Freunden ist seine eigenwillige Art nicht geheuer. Von seinen Gegnern wurde er als inkompetenter Spaßmacher ohne Erfahrung abgetan. Aber als Boris Johnson nach Mitternacht am Sitz der Londoner Stadtverwaltung zum neuen Bürgermeister ernannt wurde, gab er sich demütig und staatsmännisch.

„Sie waren ein ausgezeichneter Führer dieser Stadt“, lobte er den Wahlverlierer Ken Livingstone. „Sie haben dieses Amt geprägt, sie haben ihm zu nationaler Prominenz verholfen und als London am 7. Juli 2005 attackiert wurde, sprachen sie für London“.

Nach Labours schlimmstem Wahlmassaker seit 40 Jahren war dieser Wahlsieg, als würde der Labourparty der Dolch ins Herz gestoßen. Mit 53 Prozent gegen 47 Prozent fiel Johnsons Triumph klarer aus als irgend jemand erwarten konnte.

Die Wahl signalisierte den Wunsch der Briten nach dem Wechsel. Bei den Gemeindewahlen in England und Wales trat Labour mit denkbar schlechter Ausgangslage an. 2004, als die Wut auf Tony Blair und den Irakkrieg am größten war, erteilten die Briten Labour einen Denkzettel. Niemand dachte ernstlich, die Regierungspartei könne nun noch viel tiefer sinken.

Nun regiert Labour in keinem Rathaus des englischen Südwesten mehr. Die Konservativen haben in Wales und Nordengland Rathäuser erobert, die ihnen bisher verschlossen waren.

Nach Wählerstimmen und Mandaten schnitt die Regierungspartei landesweit nur mit einem dritten Platz ab. Im Süden und in London verlor Labour die Wähler der Vorstädte und der Mittelschichten, die Tony Blair aus dem Lager der Konservativen herüberlockte. Im Norden und in Wales laufen Labour die Kernwähler davon: Niedrige Einkommensschichten, die mit den Steuerreformen unzufrieden sind, die auf Gordon Browns persönliches Konto gehen. Hochgerechnet auf eine Unterhauswahl hätten die Konservativen nun eine klare Regierungsmehrheit.

Labourchef und Premier Gordon Brown tut jetzt so, als sei all dies ein Protest gegen die Wirtschaftskrise, höhere Benzinpreise und teuere Lebensmittel. Die Tories sehen das Wahlergebnis dagegen als eine glänzende Bestätigung dafür, dass sie wieder für wahlfähig gelten und die Grundlage für die Rückkehr in die Downing Street gelegt ist. „Dies war nicht nur ein Votum gegen Gordon Brown und seine Regierung. Dies ist ein Votum des Vertrauens in die Konservative Partei“, sagte Parteichef David Cameron.

Brown will nun "zuhören und führen". Aber dies versucht er nun schon seit 10 Monaten und doch ist er auf dem besten Wege, ein Premier zu werden, der nie eine Wahl gewann. Bis 2010 kann er mit einer Unterhauswahl noch warten. Ob ihm seine Partei noch diese Zeit einräumt, ist ungewiss. Die Wahl war nicht nur ein nationales Misstrauensvotum gegen Labour, sondern auch gegen die Führungsqualitäten von Gordon Brown.

"Wir haben 6 Monate um die Initiative zurückzugewinnen", glaubt Ex-Minister Charles Clarke, ein Mann des rechten Blair Flügels. "Die Situation ist nicht mehr zu retten. Die Menschen wollen eine neue Politik, sofort“, glaubt der Labourlinke John McDonnell, Herausforderer Browns bei der Führungswahl im letzten Jahr.

Es wird nun aber nicht nur um Browns Person gegen. In der Labourpartei wird der Streit zwischen denen beginnen, die wie McDonnell eine Rückkehr zu einer „sozialistischen“ Politik und ein Ende von Labours Flirt mit marktgerechten Lösungen wollen. Die anderen, wie Charles Clarke und die Riege der Ex-Blairites, fordern statt Browns unentschiedenem Schlitterkurs eine klare Rückkehr zur Reformpolitik Blairs. Aber wo wäre die Führungsfigur, die beide Seiten zusammenhalten könnte?


WebNewsDieser Artikel als DruckversionSchlagzeile per E-Mail verschicken
Weitere News und Tools
Weitere News sowie Tools zu dieser Rubrik finden Sie hier

MEHR ARTIKEL AUS DER RUBRIK:

Artikel Gipfel: Merkel will Streitthemen anpacken(16.05. 13:58)
Artikel USA wollen Saudi-Arabien bei Atomenergie helfen(16.05. 15:44)
Artikel Termin für Stichwahl in Simbabwe steht(16.05. 13:53)
Artikel Bin Laden will Westen über Israel „aufklären“(16.05. 13:39)
Artikel Spenden erreichen Birma trotz Militärjunta(16.05. 12:00)

Suche im Web:


Seitenanfang


Homepage | Site Map | Hilfe | FAQ | Kontakt | Partnerprogramm | Mediadaten

Abo | Bücher | Veranstaltungen | Webtipps

HANDELSBLATT-TICKER

Alle News     Alle Indizes     RSS

US-WAHL 2008
ArtikelUS-Republikaner fürchten „Blutbad“
ArtikelObama nennt Reporterin „Schätzchen“
ArtikelAuch Edwards unterstützt Obama
Exklusivmeldung„Ich würde Obama raten, eine CO2-Steuer einzuführen“
ArtikelSieg mit psychologischer Bedeutung
ArtikelUS-Demokraten: Hillary, hör bitte nicht auf
WEIMERS WOCHE


Beck up


Es gibt Missionen, die sind ehrenvoll, aber doch so heikel, dass man sie keinem wirklich wünscht: Frauenbeauftragter bei Beate Uhse, Zahnarzt beim Weißen Hai oder auch Vorsitzender der SPD.

Von Wolfram Weimer

ORDNUNGSPOLITISCHER EINSPRUCH


Disziplin zahlt sich aus


Drei Jahreszahlen markieren den Weg zur europäischen Währungsintegration: 1993, 1998 und 2008. Sie machen zugleich deutlich, durch welch unterschiedliche monetäre Welten wir uns innerhalb von anderthalb Jahrzehnten bewegt haben. Nach starken Währungsturbulenzen und großen Risiken wird 2008 ein besonders herausragendes Jahr in der Positionierung der europäischen Geldpolitik.

Von Michael Hüther

DAS POLITISCHE FEATURE


Lächeln und wohlfühlen? Das war einmal


Nicht jeder Politiker zeigt sich in diesen Tagen gern mit dem Dalai Lama. So wird der zweite Besuch des geistigen Oberhauptes der Tibeter in Deutschland überschattet vom Streit der Polit-Prominez über den richtigen Umgang mit dem Gast. Immerhin: Die CDU-Granden Roland Koch, Jürgen Rüttgers und Norbert Lammert kennen keine Berührungsängste.

Von Petra Blum und Andreas Rinke

BILDERGALERIEN
Bildergalerie  Freunde und Feinde des Dalai Lama
Der Dalai Lama ist auf fünftägiger Deutschland-Reise, und die Nervosität in der Bundesregierung ist groß. Diplomatischer Druck aus Peking ist Berlin gewiss. So zeigt sich die Regierungsspitze gegenüber dem religiösen Oberhaupt der Tibeter ungewohnt zurückhaltend. Doch der Dalai Lama hat andere Unterstützer. Seine Freunde und Feinde in Bildern.
Bildergalerie  Armut, Gewalt, Wirtschaftsboom
Bundeskanzlerin Angela Merkel ist auf großer Lateinamerika-Reise. Dabei erwartet sie ein Kontinent voller Widersprüche. Kräftiges Wirtschaftswachstum und ein neues Selbstbewusstsein stehen auf der einen Seite, immer noch weit verbreitete Armut, Umweltzerstörung sowie tiefe ideologische Gräben auf der anderen. Warum Länder wie Brasilien und Mexiko gerade jetzt wieder in den Fokus der deutschen Politik und Wirtschaft rücken.
Bildergalerie  Steuerentlastungen: Was wann kommt
Sicher ist: Bis zur Bundestagswahl im September 2009 werden die Parteien darüber streiten, wer die Bürger am meisten von Steuern und Abgaben entlasten will. Was wann an Entlastungen mit welcher Wahrscheinlichkeit kommt, zeigt diese Übersicht.
Bildergalerie  Putins Kreml AG
Russlands Präsident Wladimir Putin hat die Macht offiziell an seinen Wunschnachfolger Medwedjew übergeben. Seit 2000 war es das Ziel Putins, alle Macht auf den Kreml zu konzentrieren – und er hat es konsequent verfolgt: Putin steuert den Branchenriesen Gazprom, lehrt die Oligarchen das Fürchten, lässt eine Opposition nicht zu. Der Aufstieg des Ex-Geheimdienstlers in Bildern.
UMFRAGE

Um Konflikte mit China zu umschiffen, vermeiden deutsche Spitzenpolitiker und auch der Bundespräsident ein Treffen mit den Dalai Lama. Halten Sie das für richtig?

Ja

Nein

 
 Umfrageergebnis
 Umfragearchiv

Handelsblatt.com
VideoAudioMobilJobsNewsletterForumWeblogShopArchiv / wirtschaftspresse.bizAbo / Leserservice
Rohstoffe

Warum Lateinamerika für Deutschland wieder wichtig wird.
Steuerpläne

Wann die deutschen Steuerzahler mit welchen Entlastungen rechnen dürfen.
Präsident bling-bling

Warum die Franzosen bereits nach einem Jahr von Nicolas Sarkozy genervt sind.
VorschauVorschau

Alle wichtigen Termine für die Wirtschaft im Überblick