Professor Ausan gehört noch zu den Glücklicheren, da er zumindest eine Wohnung besitzt, in der er eigentlich gerne wohnt. Eine Umfrage des Instituts for Urban Economics zeigt, dass 61 Prozent aller Russen nicht mit ihrer Wohnungssituation zufrieden sind. Viele von ihnen wohnen in den so genannten Chruschtschobi, einer Verballhornung des Namens des legendären sowjetischen Staats- und Parteichefs Chruschtschow und des russischen Wortes für Elendsviertel.
Die industriell errichteten Mietskasernen aus den 60er Jahren – mit einer damals geplanten Lebenszeit von maximal 25 Jahren – stehen mehr oder weniger immer noch. Die durchschnittliche Wohnraumgröße pro Einwohner in Russland liegt bei 21 Quadratmeter, knapp die Hälfte des Raumes in Westeuropa.
Der Hypotheken-Markt in Russland wächst zwar in Folge staatlicher Absicherung für die Banken rasant, so dass die Zahl derer, die sich endlich eine bessere Bleibe leisten können, kontinuierlich zunimmt. Das muss jedoch leider nicht heißen, dass sie Erfolg damit haben: Moskau hat in diesem Jahr den ersten Hungerstreik von Betrugsopfern in einem der größten Wohnungsbauskandale der letzten Jahre erlebt: Rund 50 000 Familien im Land dürften allein einer Firma auf den Leim gegangen sein, bei der sie entweder eine neue Wohnung gekauft haben, die nie gebaut wurde oder an gleich mehrere Bieter gleichzeitig ging. Diese Form des Betrugs ist weit verbreitet, Schätzungen rechnen im Land mit bis zu 300 000 betroffenen Familien.
„Der Wohnungsbau ist nach wie vor das große Problem“, sagt Nadeschda Kossarewa, die Chefin des Instituts for Urban Economics und Mitglied der Regierungskommission für Wohnungspolitik, die sich auch mit der Umsetzung des „nationalen Projektes Wohnung“, in das bis ins Jahr 2010 rund 20 Mrd. Dollar fließen, beschäftigt. Trotz einer Steigerung der Bautätigkeit komme der Markt dem Bedarf nicht nach.
Das vom Präsidenten vor zwei Jahren gestartete Projekt hält sie trotz der zum Teil heftigen öffentlichen Kritik für einen Erfolg. Im Zuge dessen seien Bauvorschriften vereinfacht und eine Reihe von Gesetzen modernisiert worden. Das Problem liege nun in der Umsetzung: Viele Kommunen seien wegen der oft engen Verzahnung von Politik und Bauwirtschaft zögerlich oder verstießen zum Teil klar gegen die Gesetze.
Felix Schultess ist trotz seiner misslichen Lage nicht pessimistisch. Die Anwohner seiner Straße haben einen Verein gegründet, der sich gegen die „Sanierung“ zur Wehr setzt. Hinzu kommt: „Die wilden Jahre der Enteignungen sind vorbei“, glaubt er. Zumindest in Moskau habe die Stadt Geld genug, um bei den „Aussiedlungen“ angemessene Lösungen anbieten zu können – sie fürchtet schlechte Presse bei dem Thema. Schultess’ Erfahrung lehrt ihn aber auch: „Ein großer Unsicherheitsfaktor bleibt“. Denn wer sich nicht organisieren oder gesetzeskundig machen kann, der ende nach wie vor schnell auf der Straße.

