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22.02.2008 

Putin konnte sich die Metropole dennoch nicht untertan machen: Fuhr seine Partei „Einheitliches Russland“ bei der Dumawahl landesweit eine Zwei-Drittel-Mehrheit ein, so lag im Venedig des Nordens die Zustimmung deutlich niedriger. „Piter“ – wie die Bewohner ihre Heimatstadt ehrfurchtsvoll nennen – blieb die Widerspenstige.

Nie ordnete sie sich der Hauptstadt Moskau unter. Schon Diktator Stalin musste den populären Petrograder Parteichef Kirow ermorden lassen, um seine Alleinherrschaft zu zementieren. Noch heute ist die Zähmung der Widerspenstigen nicht gelungen: Petersburg ist noch immer keine Kapitale des Kapitals, obwohl Geld inzwischen reichlich die Ufer der Kanäle Moika und Fontanka entlangströmt und in vielen Straßenzüge mehr Hummer als Ladas stehen.

Hinter dem Widerstreben stecken die feinsinnige Kultur der „Piterzy“ und das Aufkommen eines ebenso selbstbewussten wie im positiven Sinnen patriotischen Mittelstandes. Hier hatte Dostojewski am Heumarkt Raskolnikows Beil versteckt, Gogol hinterließ hier der Nachwelt „Nase“ und „Mantel“, Puschkin duellierte sich hier. Aber ausgerechnet „Afrika“ nannte sich in den Perestroika-Aufbruchjahren der 80er-Jahre der Klub am Newskij, wo die Nonkonformisten der ständig im Dauerregen und häufig in Minusgraden versinkenden Stadt mit Rock und Punk die neue Zeit einleiteten: Während „Mineralwassersekretär“ Gorbatschow in Moskau die Glasnost-Ära einläutete, rockten „Kino“, „DDT“ und „Akwarium“ mit rebellischen Texten die Jugend bis Wladiwostok zu neuem Sinn und Verstand. Heute heizt die Gruppe „Leningrad“ mit groben Gesängen Moskauer Milliardär-Partys ein. Der Zeitgeist weht im heutigen Russland von Westen.

Zugleich wird der Angriff der Moskowiter abgewehrt: Der Kreml-Konzern Gazprom will schon seit Jahren seinen 400 Meter hohen neuen Verwaltungsturm an die Ufer der Newa stellen. Er soll den aus der Stadt stammenden und in der Hauptstadt wichtig gewordenen Männern Alexej Miller (Gazprom-Chef), Dmitrij Medwedjew (Gazprom-Aufsichtsratschef und künftiger Staatschef) sowie Präsident Putin ein Denkmal setzen. Doch die „Piterzy“ erstarren nicht in Dankbarkeit. Mit Verweis auf das Unesco-Weltkulturerbe vereiteln sie die Baupläne bisher standhaft.

„In Moskau wird rücksichtslos mit der Dampframme das historische Gedächtnis Russlands ausgerottet und durch geschmacklosen pseudo-modernen Kitsch ersetzt“, sagt der Historiker Alexander Margolis. „Undenkbar für Piter. Hier müssen die heutigen Machthaber aufpassen wie damals die Kommunisten, deren Abrissbirnen der Hass der Stadt entgegenschlug. Wer mit Margolis auf die Dächer der Stadt mit den legendären „Weißen Nächten“ steigt, in denen die Sonne auch nachts kaum an Strahlkraft einbüßt, sieht aber die Sünden der Neuzeit: Wo immer alte Bausubstanz mit Tiefgaragen unterfüttert wird, werden die nebenstehenden Gebäude durch Risse zu Sanierungsfällen.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Sauergurken in Konserven.

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