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16.07.2007 
Überleben in Tokio

Im Land des „Sumimasen“

von Finn Mayer-Kuckuk

Wer in Tokio lebt und arbeitet, lernt die Vorzüge von Höflichkeit und Etikette kennen – und ihre Grenzen. Denn auch im zurückhaltenden Japan wirkt eine Kneipentour Wunder für die Geschäftsbeziehungen. Ein Erfahrungsbericht des Handelsblatt-Korrespondenten Finn Mayer-Kuckuk.

Tokios Nobelviertel Ginza.  Es gibt sogar Spezialrestaurants für Schnitzel. Foto: APLupe

Tokios Nobelviertel Ginza. Es gibt sogar Spezialrestaurants für Schnitzel. Foto: AP

TOKIO. Es ist stets wohltuend, wenn Japan auch den Japanern ein wenig befremdlich vorkommt. Wie dem kleinen Mädchen mit den zwei braven Zöpfen, das weinend und schreiend im Erlebnisrestaurant steht. Die Eltern möchten gehen. Das Kind aber traut sich nicht über die hölzerne Brücke, die zum Ausgang führt. Denn unter der Brücke liegt das künstliche Gewässer, aus dem die Gäste ihre Fische zum Abendessen selbst angeln.

Die Reaktion des Mädchens ist durchaus nachvollziehbar: Ihr wird wahrscheinlich gerade bewusst, das sie ein Lebewesen gegessen hat, das eben noch munter herumschwamm. Sie kann sich jetzt vielleicht auch erklären, warum die Fische auf dem Teller noch zucken, nachdem der Sushi-Meister sie lebend filetiert und die Filets zu Sashimi zerschnitten hat. Vielleicht hat sie in der Wasserlandschaft auch einen der wenigen Fische gesehen, deren Augen weißlich entzündet sind – ich lasse meinen Fang im Restaurant daher vorsichtshalber grillen. Der Bekannte, mit dem ich hier bin, hat sich für das Sashimi, die rohe Variante, entschieden.

Das Mädchen weint immer noch, aber Shiroto-san und ich freuen uns über die weiß glitzernden Fischscheiben an der kunstvoll halb aufrecht drapierten Flunder. Sie klappt noch den Mund auf und zu.

Seit einem halben Jahr bin ich als Korrespondent in Japan. Langsam wird es Zeit, meine frischen Eindrücke aufzuschreiben. Denn spätestens nach einem Jahr wird mir selbstverständlich vorkommen, was vorher noch exotisch wirkte.

So gesehen bin ich ohnehin schon ein wenig verdorben. Ich habe Japanologie studiert. Und Shiroto-san, den ich seit Studientagen kenne, sagt manchmal, ich soll mich nicht japanischer anstellen als die Japaner – wenn ich zum Beispiel statt des gängigen Begriffs „E-Mail“ das japanische Wort benutze. Übersetzt heißt das „Elektroteilchennachricht“.

Doch auch wenn ich mich in Japan ein wenig auskenne, vieles ist völlig neu für mich. Als Student hatte ich es mit anderen Menschen zu tun als jetzt als Korrespondent und mit anderen Regeln. Studenten sind in Japan wörtlich übersetzt „Lernlinge“. Sie sprechen eine andere Sprache als später die Erwachsenen. Sie haben mehr Freiheiten – zum Beispiel bei der Wahl ihrer Kleidung. Man verzeiht ihnen eher einen Verstoß gegen die Etikette.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein Journalist tritt in Japan viel stärker als Bittsteller auf.

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