0 Bewertungen
06.05.2008 
Sarkozy-Vokabular in Frankreich

L’effet Sarko

von Brian Melican

Strafzettel am Auto – c’est l’effet Sarko! Verspäteter Zug – c’est l’effet Sarko! Schlechter Rotwein – c’est l’effet Sarko! Auch wer kein perfektes Französisch spricht, merkt dieser Tage in Frankreich schnell, dass Präsident Nicholas Sarkozy nicht den besten Eindruck beim eigenen Volk hinterlassen hat. Dafür ist das neue Sarkozy-Vokabular das beste Beispiel.

Präsident Nicholas Sarkozy regt die Franzosen zu kuriosen Wortneuschöpfungen an. Foto: apLupe

Präsident Nicholas Sarkozy regt die Franzosen zu kuriosen Wortneuschöpfungen an. Foto: ap

DÜSSELDORF. Dass sich mit jeder politischen Neuordnung auch neue Begriffe in den Sprachgebrauch einschleichen, ist ein häufig beobachtes Phänomen. Gerne hinterlässt der eine oder andere Reformer seine Spuren. „Hartz IV“ und „Riester-Rente“ sind zwei aktuelle deutsche Beispiele.

In erster Linie schaffen es aber immer wieder die Herrschenden, sich im Wortschatz ihres Volkes zu verewigen. Vom König Merovech leitet sich das Wort „Merowinger“ ab. In Großbritanien verleiht ein Jahrtausend später Königin Victoria ihren Namen einer ganzen Ära. Und noch einmal hundert Jahren später entsteht auf der Insel das Wort „Thatcherism“.

Auch in Frankreich weiß man derartige Wortspiele zu schätzen. Es überrascht nicht, dass ein auffallend agierendes Staatsoberhaupt wie Nicholas Sarkozy die Phantasie der Bürger anregt. Obwohl erst ein Jahr im Amt, ist das Sarkozy-Vokabular schon erstaunlich weit entwickelt.

So berichtet die französische Zeitung „Le Monde“, dass eine große Rave-Party namens „Teknoval“ in „Sarkoval“ umgetauft wurde, weil der Präsident Lizenzen nur unter strengen Bedingungen zu Alkohol- und Drogenkonsum vergeben hat.

Auch alte Wörter erhalten durch Sarkozy eine ganz neue Bedeutung: „Rupture“ zum Beispiel. Zuvor bedeutete das Wort schlicht „Umbruch“. Seit einiger Zeit wird es aber fast ausschließlich als Synonym für Sarkozys Politik benutzt.

Auch komplett neue Wortschöpfungen hat Frankreich seinem Präsidenten zu verdanken. „Hyper-présence“ entstand 2006, als die französischen Medien verzweifelt nach einem Begriff für Sarkozys Vorwahlkampagne gegen Dominique de Villepin suchten. An jedem Ort, zu jeder Zeit, zu jedem Thema – Sarkozy ist tatsächlich „hyper-présent“.

Als Sarkozy dann bei den Wahlen am 6. Mai 2007 gewinnt, wird aus dem Mann, der „hyper-présent“ war, der „hyper-président“ . Andere nennen ihn auch gerne „omni-président“. Und als Sarkozy in diesem Frühjahr die Franzosen davon überzeugen muss, dass er als „omni-président“ Carla Bruni heiraten und gleichzeitig die Nation als seriöser Staatsmann regieren kann, wirft man ihm eine „pipolisation de la politiqe“ vor. „Pipol“ ist die französische Version des englischen „people“. Allerdings wird das Wort nur dann benutzt, wenn von Prominenten die Rede ist. Das wiederum passt gut zu Sarkozy. Machte dieser in seinem ersten Amtsjahr doch überwiegend mit Eskapaden um sein Privatleben von sich reden. Die boulevardeske Aufbereitung in den Medien heißt für die Franzosen seitdem „pipolisation“.

Wegen Sarkozys umstrittener Luxus-Reisen und der zur Schaustellung teurer Accessoires sehen sich die Franozsen sogar dazu gezwungen, sich noch eines englischen Begriffes zu bedienen. „Bling bling“ beschreibt den teuren Lebensstil von amerikanischen Rap-Sängern und Basketball-Spielern: Urlaube in der Karibik, goldene Armbanduhren und Diamanten sind damit gemeint. „Bling-Bling-Präsident“ – Sarkozy war um einen seltsamen Spitznamen reicher. Selbst der rechtsextreme französische Politiker Jean Marie le Pen benutzt in einer Rede zum 1. Mai den Ausdruck „bling bling“ und widerlegt damit seine eigene Theorie, das Frankreich alle ausländischen Sprach-Einflüsse abwehrt.

Doch das Sarkozy-Wort, das in Frankreich derzeit durch alle Straßen hallt, ist französischer als ein mit Brie bedecktes Baguette auf einer Tricolore-Flagge ganz oben im Eiffelturm neben einer Flasche Rotwein und einer Schachtel Gauloises: „L’effet Sarko“. Nur der Hang der Franzosen zu Kürzungen und Vereinfachungen kann eine derartige Wortschöpfung hervorbringen. „L’effet Sarko“ steht für alles, was autoritär, unerwünscht oder einfach schlecht ist: Strafzettel am Auto – c’est l’effet Sarko! Verspäteter Zug – c’est l’effet Sarko! Schlechter Rotwein – c’est l’effet Sarko!

Die Diskussion über Wortneuschöpfungen geht Ihnen auf die Nerven? C’est bel et bien l’effet Sarko!

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige
Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück  vor
  • Das Drama um Ingrid Betan...

    Das Drama um Ingrid Betancourt

    „Gott, was für ein Wunder!“ Ingrid Betancourt kann es kaum glauben. Nach sechs Jahren wird sie aus der Farc-Geiselhaft im Dschungel von Kolumbien befereit. Die Nachricht stößt weltweit auf Freude und Erleichterung. Betancourts erster Auftritt in Freiheit und ihre Leide...Bildergalerie 

  • Steinbrück drückt Etatplä...

    Steinbrück drückt Etatpläne durch

    Sechs Flaschen Rotwein setzt Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) darauf, dass der Bundeshaushalt im Jahr 2011 erstmals seit gut vier Jahrzehnten wieder ohne neue Schulden auskommen wird. Wie der heute vom Kabinett verabschiedete Entwurf für den Haushalt 2009 und...Bildergalerie 

  • Was sich zum 1. Juli ände...

    Was sich zum 1. Juli ändert

    Am 1. Juli treten zahlreiche Änderungen in Kraft, die zum Teil in den letzten Monaten heftig umstritten waren: Rentner können sich über etwas mehr Geld im Portemonnaie freuen. Die Pflegereform bringt Verbesserungen für Pflegebedürftige und die Krankenversicherung steh...Bildergalerie 

  • Wahlfarce in Simbabwe

    Wahlfarce in Simbabwe

    Jagd auf Oppositionelle, Gewalt gegen Nichtwähler: Die umstrittene Wahl in Simbabwe löst weltweit Empörung aus. Doch Präsident Robert Mugabe lässt sich davon nicht beeindrucken. Im Gegenteil. Die Wahlfarce in Bildern. Bildergalerie 

 

weiterGlobal Reporting

AC/DC rocks Schumpeter 

03.07.2008Global Reporting

Was hat die Schwermetall-Band AC/DC mit dem großen Ökonomen Joseph Schumpeter zu tun? Offenbar eine ganze Menge. Mit eisernen Hardrock-Fans will man ja – „Hells Bells“ – beim besten Willen keinen Krach vom Zaun brechen. Blog


weiterMadagaskar

Verrät Barack Obama seine Politik? 

27.06.2008Madagaskar

Barack Obama als Befürworter der Todesstrafe und des Waffenbesitzes? Es scheint, als habe der Kandidat der Demokraten für das Weiße Haus seine Seele verkauft. Doch er macht nur, was jeder Politiker macht, der gewinnen will. Auch er. Blog