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01.04.2008 
Bevölkerungsgruppen in China

Tibet ist kein Einzelfall

von Thomas Heberer

Ethnische Minderheiten haben es schwer im Reich der Mitte: Die Han-Chinesen dominieren das öffentliche Leben und Stereotypen verhindern einen offenen Dialog. Jetzt nehmen die Spannungen zu und die Partei muss sich zunehmend in Konfliktmanagement üben.

Ein Demonstrant protestiert seine Solidarität mit Tibet. Foto: apLupe

Ein Demonstrant protestiert seine Solidarität mit Tibet. Foto: ap

Die Unruhen in Tibet in den letzten Wochen haben verdeutlicht, dass die Lage in China keineswegs stabil ist. Vergessen wird in der Regel, dass China ein Vielvölkerstaat ist, in dem die Tibeter lediglich 0,42 Prozent der Bevölkerung und fünf Prozent der ethnischen Minderheiten ausmachen. Der letzten Volkszählung von 2000 zufolge hatten die 55 „nationalen Minderheiten“ mit 105 Millionen Menschen einen Anteil von 8,4 Prozent der Gesamtbevölkerung Chinas. Die „Han“, die Bevölkerungsmehrheit, machten 91,6 Prozent aus.

China steht somit keineswegs vor einem Zerfall nach sowjetischem Muster. Gleichwohl nehmen die Konflikte zwischen den Nationalitäten zu. Im Gegensatz zu den radikalpolitischen Phasen der Mao-Ära (großer Sprung, Kulturrevolution) findet derzeit keine Eliminierung der Minderheiten statt, sondern eine autoritär-patriarchalische Kontrolle.


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Die Konflikte haben historische, politische, ökonomische, kulturelle und soziale Ursachen. Ethnische Konflikte beginnen stets im Denken von Nationalitäten. Im kollektiven Gedächtnis der verschiedenen Volksgruppen manifestiert sich die historische Dimension der Konfliktfelder. Dies bezieht sich auf historische Traumata wie die Verdrängung, Vernichtung oder Demütigung von Völkern wie in der neueren Geschichte die blutige Niederschlagung von Aufständen verschiedener Völker gegen die Verdrängungspolitik des Kaiserhofs und die Unterdrückung und Ausbeutung durch Han-Beamte.

Die Miao in der Provinz Guizhou etwa waren im 18. Jahrhundert so verzweifelt, dass sie ihre Siedlungen auflösten, teilweise sogar ihre Frauen und Kinder töteten, um mit aller Kraft und letzter Konsequenz an einem Aufstand teilnehmen zu können. Er endete in einer Niederlage mit 18 000 toten Miao. Ihr gesamtes fruchtbares Land wurde an Han verteilt, die Miao mussten sich tief in öde und unfruchtbare Berggebiete zurückziehen.

Bei der blutigen Niederschlagung muslimischer Aufstände im 19. Jahrhundert haben chinesische Truppen ein derartiges Gemetzel angerichtet, dass sich die Zahl der Muslime nahezu halbierte. Dazu kommen die Traumata der Mao-Ära: die grausame Niederschlagung von Aufständen verschiedener Ethnien in den 1950er-Jahren, die Zerstörung und Schändung der Kulturgüter und religiösen Stätten, der Versuch ökonomischer, gesellschaftlicher und kultureller Gleichschaltung. Allein im Verlauf des Aufstandes von 1959 kamen 87 000 Tibeter ums Leben, und 2690 von 2700 tibetischen Klöstern wurden in den 60er-Jahren zerstört. Durch die Kulturrevolution hat sich das Beziehungsgefüge zwischen den Nationalitäten grundlegend gewandelt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Fehlende Autonomie als Kernproblem

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