PolitikLothar Späth: So seh ich es
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HANDELSBLATT, Mittwoch, 30. Mai 2007, 13:16 Uhr
So seh ich es

Arbeit im Alter

Von Lothar Späth

Gesundheitsreform, Rente mit 67, Reform der Pflegeversicherung: Die Überalterung der Gesellschaft und die sich dadurch ergebenden Finanzierungsprobleme der Sozialversicherungen beschäftigen die Politik dauerhaft. Doch die üblichen Kontroversen beziehen sich meist auf überholte Lebensentwürfe aus dem Industriezeitalter.


Kaum dass ein stets leichtfertig als „Jahrhundertreform“ tituliertes Gesetzeswerk verabschiedet wurde, rechnen die Experten bereits wieder vor, dass das für eine echte Lösung noch nicht ausreichen wird. So war es denn auch vor einem halben Jahr, als es um die Rente mit 67 ging. Eine Anpassung der Lebensarbeitszeit an die realen Daten unserer Bevölkerungsentwicklung war ja längst überfällig. Dennoch gab es massiven Protest.

Als sich Innenminister Wolfgang Schäuble seinerzeit die Freiheit nahm, darauf hinzuweisen, dass damit das Finanzierungsproblem immer noch nicht vom Tisch sei, polemisierte der Deutsche Gewerkschaftsbund, warum man nicht gleich die „Rente ab Ende des Lebens“ einführen wolle.

Dabei bezog sich Schäuble lediglich auf die harten Zahlen der Bevölkerungsstatistik. Und diese sagen nun einmal aus, dass die nachwachsenden Generationen schon in absehbarer Zeit die Renten nicht mehr finanzieren können.

Will man einen Zusammenbruch des Rentensystems nachhaltig verhindern, so müsste man auf Grund der Datenlage das Renteneintrittsalter bis Mitte des Jahrhunderts rein rechnerisch sogar auf das 75. Lebensjahr verschieben. Ansonsten kämen auf 100 arbeitende Bürger nicht mehr wie heute 32, sondern doppelt so viele, sprich 64 Rentner.

Nun sollte man dieses Problem sicherlich nicht ausschließlich anhand einer rein rechnerischen Zahlenfortschreibung betrachten. Will heißen: Bis zum Jahr 2050 könnte noch eine ganze Reihe dynamischer Anpassungsprozesse in unserer Gesellschaft ablaufen, welche die herkömmliche Sichtweise verändern würden.

Die mittelständischen Familienunternehmer, viele Freiberufler und „andere“ Scheinselbstständige haben quasi die Rente mit „67 plus x“ bereits eingeführt. Jenseits aller vermeintlichen Jahrhundertreformen stellen sich diese Menschen bereits zunehmend auf die unbequemen Wahrheiten ein und entwickeln in der aufkommenden Dienstleistungsgesellschaft andere Lebensentwürfe, auch was den Umgang mit Arbeit im Alter angeht.

Die üblichen öffentlichen Kontroversen über die Rente, also über einen standardisierten altersbedingten Vollausstieg aus dem Arbeitsleben, sind in gewisser Hinsicht rückwärts gewandt und beziehen sich im Grunde auf einen typischen Lebensentwurf aus dem Industriezeitalter. Selbstverständlich kann man kaum jemandem, der 45 Jahre in einer Fabrik seinen Körper geschunden hat, zumuten, dies noch fünf bis zehn Jahre länger zu tun. Bei einem Arbeitnehmer, der seinen Lebensunterhalt mit hochwertigen Dienstleistungen verdient, sieht das hingegen schon anders aus. Erstens wird die körperliche Verfassung eines 70-Jährigen in Zukunft ohnehin besser sein als heute.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Bildungsinitiative ab Mitte der 60er-Jahre macht sich bemerkbar.


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