PolitikLothar Späth: So seh ich es
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HANDELSBLATT, Mittwoch, 24. Oktober 2007, 10:53 Uhr
So seh ich es

Der ausgetrocknete Milchsee

Von Lothar Späth

Mittlerweile gehören nicht nur deutsche Produzenten von Hochtechnologie zu den Gewinnern der Globalisierung, sondern auch die Landwirte, nicht zuletzt die deutschen Milchbauern. Doch wir müssen uns entscheiden: Soll die EU weiter hohe Agrarsubventionen zahlen oder die Hochtechnologie fördern?


Man hatte sich schon fast daran gewöhnt, dass Milchseen und Butterberge unveränderliche Eigenarten der europäischen Landschaft sind. Und plötzlich waren sie verschwunden. Das lag einerseits daran, dass seit 2003 die produktionsabhängigen Subventionen in Form von garantierten Preisen größtenteils in Direktzahlungen an die Landwirte gewandelt wurden, andererseits an der jüngsten Entwicklung der weltweiten Nachfrage nach Agrarprodukten.

Der asiatische Boom ist nicht nur auf dem Energie- oder dem Stahlmarkt zu spüren. Auch bei einigen Agrarprodukten findet neuerdings eine Verknappung statt, die zu einem deutlichen Preisanstieg bei vielen Lebensmitteln führt. So gehören mittlerweile nicht nur deutsche Produzenten von Hochtechnologie zu den Gewinnern der Globalisierung, sondern auch die Landwirte, nicht zuletzt die deutschen Milchbauern. Wer hätte das noch vor ein paar Jahren gedacht?

Nicht genug damit, auch die Engpässe auf den Weltenergiemärkten sorgen für eine zunehmende Verknappung von Lebensmitteln. Insbesondere Weizen und Mais fließen in immer größeren Mengen in die Energieproduktion und verringern damit automatisch das Angebot auf den Lebensmittelmärkten. Das Ganze trifft ohnehin auf eine nach wie vor wachsende Weltbevölkerung, die zusätzliche Nahrungsmittel benötigt. Bis zum Jahr 2050 wird eine Zunahme der Weltbevölkerung um fast fünfzig Prozent auf dann 9,4 Milliarden Menschen erwartet.

So wie die Dinge liegen, enden damit die Zeiten, in denen Agrarprodukte aus reichen Ländern wie Deutschland am Markt keine ausreichenden Erlöse erzielen können. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung prognostiziert für die nächsten zehn Jahre einen Anstieg der Nahrungsmittelpreise um zehn bis fünfzig Prozent. Das erfreut die Landwirte, die Verbraucher natürlich weniger.

Doch wenn man bedenkt, welche Entwicklung sich hinter der Preissteigerung verbirgt, dann wird wohl niemand behaupten können, dass hier etwas in die falsche Richtung läuft. Im Gegenteil: Falsch lief es vorher. Jetzt findet eine zu begrüßende Korrektur statt.

Denn die Tatsache, dass einstige Entwicklungsländer immer größere Teile ihrer Bevölkerung ausreichend und vernünftig ernähren können, ist an sich ja eine gute Nachricht. Sie belegt übrigens, dass Globalisierung der richtige Weg hin zu einer gerechteren Welt ist.

Man kann daher wohl keine ernsthaften moralischen Einwände gegen die daraus resultierende relative Verknappung von Agrarprodukten vorbringen. Für die Verbraucher hierzulande bleibt allerdings zu hoffen, dass unter dem marktwirtschaftlichen Druck künftig alle Möglichkeiten in Richtung einer vernünftigen Produktionsausweitung wahrgenommen werden, um damit der gerade die ärmeren Bürger belastenden Preisentwicklung ein Stück entgegenzuwirken. Eine Prämierung der Stilllegung von Anbauflächen, wie sie heute noch existiert, ist dabei sicher kontraproduktiv.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die EU-Agrarpolitik gerät unter dem Eindruck der jüngsten Marktentwicklung immer stärker unter Druck.


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