PolitikLothar Späth: So seh ich es
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HANDELSBLATT, Mittwoch, 16. April 2008, 11:38 Uhr
So seh ich es

Die Mär vom Generationenkonflikt

Von Lothar Späth

Statt über vermeintliche Verteilungskonflikte zwischen Generationen zu diskutieren und an einen einfachen Stimmenfang bei Rentnern zu glauben, sollten die verantwortlichen Politiker alles daransetzen, Solidarität und Miteinander in unserer Gesellschaft zu stärken. Eine Gesellschaft ist mehr als eine ökonomische Veranstaltung.


Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog hat anlässlich der außerplanmäßigen Rentenerhöhung auf ein wichtiges Thema hingewiesen. Das hat er – sicherlich bewusst überzogen – als „Rentner-Demokratie“ bezeichnet. Herzog sieht die Gefahr, dass die speziellen Einkommensinteressen von Rentnern künftig immer höhere Priorität bekämen, weil durch die Überalterung der Gesellschaft mit einer speziellen Politik für Rentner leicht Wahlen gewonnen werden könnten.

Schon zu seinen Amtszeiten kritisierte Herzog zu Recht einen ausgeprägten Gruppenegoismus, eine Politik, die durch Interessenverbände und Lobbyismus gesteuert wird. Man denke nur an seine berühmte „Ruck-Rede“ im Berliner Hotel Adlon. Roman Herzog weiß aber auch, dass es keinen ernsthaften Anlass gibt zu glauben, alle Rentner hätten nur das Ziel, hohe Renten zu kassieren, und zwar ohne Rücksicht auf nachfolgende Generationen.

Rentner bilden keine homogene Interessengruppe, die das Ziel der persönlichen Einkommensmaximierung verfolgen. Meinem Eindruck nach gilt Herzogs Skepsis deshalb vor allem den Politikstrategen, die aufgrund des demografischen Wandels zukünftige Wahlprogramme auf einen Verteilungskonflikt zwischen Jung und Alt auslegen könnten und damit dann etwas schürten, was unserer Gesellschaft langfristig großen Schaden zufügen würde. Vor einem solchen Konflikt kann man mit Bundessozialminister Olaf Scholz (SPD), der auf das gute Miteinander von Generationen in den Familien verwies, nur warnen.

Gewiss, es gibt den Ärger, den viele Steuerzahler, Lohn- und Gehaltsempfänger empfinden, wenn sie am Monatsende auf ihrer Abrechnung die deutliche Differenz zwischen Brutto- und Nettolohn wahrnehmen. Und es gibt den Ärger, den mancher Rentner verspüren mag, wenn seine Rente nach vielleicht 45 Jahren harter Arbeit kaum noch die Grundbedürfnisse deckt. Doch keiner der beiden, weder der Erwerbstätige noch der Rentner, macht für diesen Umstand den jeweils anderen verantwortlich. Das ist gut so, und dabei soll es auch bleiben.

Angemessener wäre es deshalb, in diesem Zusammenhang erst gar nicht von einem „Generationenkonflikt“ zu reden. Treffend war der Begriff, als die Achtundsechziger gegen die Ansichten und Lebensweisen ihrer Eltern rebellierten. Hier wurde darum gestritten, welche Lebensweise ein besseres gesellschaftliches Miteinander gewährleisten würde. Aber einen Interessenkonflikt aus der selbstverständlichen Pflicht der Jungen, die Alten zu versorgen, abzuleiten, hat eine ganz andere Qualität. Das stellt die gesamte Geschichte der Menschheit auf den Kopf.

Ebenso gut könnte man bei dem Problem, das sich heutzutage aus dem Nebeneinander von Erwerbstätigkeit und Kindererziehung ergibt, von einem Generationenkonflikt sprechen. Wir tun dies aus gutem Grunde aber nicht, weil wir die Ursache der hier aufkommenden Probleme natürlich nicht in einem Konkurrenzverhältnis zwischen Eltern und Kindern sehen, sondern in den Defiziten einer immer noch familienfeindlichen Gesellschaftsstruktur.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Nicht die vermeintliche Konkurrenz der Generationen birgt ein.


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