Erkennt man erst einmal diese Zusammenhänge an, und indem sich Lafontaine auf jene verdienten Wissenschaftler beruft, tut er das, dann kommt man nicht umhin anzuerkennen, dass sich auch der Arbeitsmarkt nicht losgelöst von den übrigen Märkten entwickeln kann. Auch wenn er einen besonderen Status hat, weil die hier gehandelte Arbeitskraft keine herkömmliche Ware ist, sondern untrennbar mit dem jeweiligen Menschen verbunden ist, so muss der Arbeitsmarkt sich dennoch an den Bedürfnissen der Konsumenten orientieren und organisieren. Und wer auch das anerkennt, der muss einsehen, dass Menschen in einer solchen Gesellschaftsordnung die Pflicht haben, ihre Potenziale einzubringen. Und zwar dort, wo diese benötigt werden.
Man muss darüber nachdenken, ob unsere Gesellschaft, die sich Stück für Stück zu dem entwickelt hat, was Ludwig Erhard vor Jahrzehnten schon mahnend "Versorgungsstaat" nannte, diese Pflicht zu sehr aus den Augen verloren hat. Individuelle Freiheit benötigt zwar einen Rechtsstaat, doch dieser wird letztendlich nicht durch den Anspruch auf Sozialleistungen gewährleistet, sondern nur durch eine starke Bürgerschaft, die weiß, dass Freiheit mit Eigenverantwortung zu tun hat.
Wenn man nun, wie dieser Tage bekannt wurde, beispielsweise hört, dass allein im aktuellen Jahrgang sieben Prozent aller Schulabgänger die Hauptschulen ohne Abschluss verlassen - das sind rund 70 000 Jungen und Mädchen -, dann bestätigt das die These, dass nicht die angeblich ungezügelten Marktmächte unsere Gesellschaft bedrohen, sondern ein nicht mehr zeitgemäßes und stiefmütterlich behandeltes Bildungs- und Erziehungswesen.
Statt den Nachwuchs für seine künftigen Aufgaben und Pflichten fit zu machen, besitzt unser Sozialstaat einen gewaltigen Ehrgeiz, Anspruchshaltungen anzuerziehen. Ich hoffe, dass der Vorsitzende der SPD, Kurt Beck, mit seinem Slogan vom "vorsorgenden Sozialstaat" auch eher an die Garantie einer guten Ausbildung und die dadurch gegebenen Aufstiegschancen denkt als an neue Beschäftigungsprogramme.
Was Freiheit benötigt, ist nicht Sozialismus, sondern Chancengleichheit. Und diese Chancengleichheit muss der Staat garantieren. Dem einzelnen Bürger hingegen bleibt die Pflicht, seine Chancen zu nutzen und sein Leben nach den eigenen Zielen vernünftig zu planen. Nur so gewinnt übrigens eine Gesellschaft jene Stärke, mit der man auch solchen Menschen helfen kann, die allein, aus eigener Kraft keine Chance haben.

