Der bekannte Ökonom Joseph Schumpeter nannte seinerzeit diese der Marktwirtschaft eigene Dynamik bezeichnenderweise einen "Prozess schöpferischer Zerstörung". Schöpfung und Zerstörung als zwei Seiten einer Medaille. Heute spricht man lieber von "Strukturwandel". Das klingt harmloser, weil es die schmerzhafte Seite verheimlicht. Doch das macht es für alle Beteiligten leider nur leichter, die Notwendigkeit einer permanenten Anpassung und einer teilweise unbequemen Veränderung zu verdrängen.
Natürlich ist es keine gute Nachricht, wenn etwa, wie jüngst geschehen, ein Automobilzulieferer ankündigt, 1 800 Arbeitsplätze abzubauen. Doch solange gleichzeitig an anderer Stelle Arbeitsplätze entstehen, die eventuell sogar produktiver sind, ist der Prozess aus der Gesamtperspektive betrachtet dennoch zu begrüßen.
In einer Welt, die sich in ständigem Wandel befindet, hängt die Überlebensfähigkeit von Unternehmen, hängt der Erfolg einer ganzen Volkswirtschaft von der Anpassungs- und Innovationsfähigkeit der Akteure ab. Wir benötigen daher eine Kultur, die den Menschen nicht nur persönliche Entwicklungs- und Änderungsbereitschaft abverlangt, sondern auch eine grundsätzliche Akzeptanz gegenüber der marktwirtschaftlichen Dynamik. Insolvenzen, Rationalisierungen und Entlassungen werden immer zum Erscheinungsbild von Marktwirtschaft gehören. Arbeitsplatzwechsel oder temporäre Arbeitslosigkeit können jeden treffen. Das darf nicht verschwiegen werden. Das Wichtigste ist, dass Staat und Wirtschaft zusammenwirken, um Langzeitarbeitslosigkeit weitgehend zu vermeiden. Aber auch hier zeigen sich ja erste Erfolge.
Zum Wohl der gesamten Gesellschaft funktioniert das System, wenn erstens unter dem Strich die Neueinstellungen zumindest nicht geringer sind als die Entlassungen und zweitens der Strukturwandel mit einem Produktivitätszuwachs einhergeht, der für bessere und besser bezahlte Jobs sorgt. Die erste Bedingung wird laut den jüngsten Statistiken zurzeit sehr gut erfüllt. An der zweiten Bedingung aber hapert es seit einiger Zeit. Das liegt an der allgemeinen Vernachlässigung von marktgerechter Bildung, Ausbildung und Weiterbildung. Ein Staat, der seine Bürger vor den unvermeidbaren arbeitsmarktlichen Brüchen wirtschaftlicher Entwicklung schützen will, darf nicht, etwa durch eine falsche oder überzogene Sozialpolitik, die inhärente Dynamik behindern, sondern er muss dafür sorgen, dass die Menschen für diese Dynamik bestens gerüstet sind.
Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel sind daher zwei Probleme, die aus übergeordneter Perspektive beurteilt werden müssen und nicht kontraproduktiv behandelt werden dürfen. Wenn wir das ernst nehmen, dann dürfen wir uns über die positiven Zahlen am Arbeits- und Ausbildungsmarkt freuen und nicht nur das Haar in der Suppe suchen.

