Besonders interessant ist die Entwicklung der konkreten Erwartungen seit 2000. So stiegen ungeachtet der Gesundheitsreform die Erwartungen, dass sich die Zuzahlungen für Medikamente erhöhen (von 71 auf 81 Prozent) und die Kassen zukünftig nur noch eine Grundversorgung zahlen werden (von 54 auf 72 Prozent), stetig an. Ebenfalls unberührt von der Gesundheitsreform glauben mittlerweile 68 Prozent der Bevölkerung, dass die Ärzte immer weniger Zeit für Patienten haben werden.
Ich will und kann an dieser Stelle nicht im Einzelnen diskutieren, welche konkreten gesundheitspolitischen Maßnahmen ein solches Umfrageergebnis impliziert. Doch es zeigt in jedem Falle, dass die Ziele, die ursprünglich mit einer Gesundheitsreform von beiden Parteien angestrebt wurden - die Ziele an sich waren ja fast identisch -, von einer großen Mehrheit der Bevölkerung als durch die Reform nicht erreichbar eingeschätzt werden.
Ich denke, die Mehrheit liegt hier richtig. Ihre Erwartung deckt sich im Allgemeinen mit den Erwartungen der Sachverständigen. Verbesserung der Versorgung und Reduzierung der individuellen Ausgaben passen so nicht zusammen.
Die Politiker sollten daraus lernen, dass sie es mit mündigen Bürgern zu tun haben, die sich nichts schönreden lassen und die weitaus vernünftiger und vorausschauender auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren, als das Menschenbild so manchen Politikers es zulässt. Sie sollten aus den Ergebnissen folglich die Erkenntnis ziehen, dass die Bürger in der Lage sind, eigenverantwortlich zu handeln, gesellschaftliche Entwicklungen realistisch einzuschätzen und individuell vernünftig darauf zu reagieren.
Wir brauchen daher eine Ordnung, die das auch zulässt. Dirigismus und Vortäuschung falscher Sicherheiten sind nicht nur in der Gesundheitspolitik der falsche Weg, sich auf die Herausforderungen der Zeit einzustellen.
Was die Große Koalition angeht, so sollte sie sich auf Themen beschränken, bei denen keine allzu großen Kompromisse nötig sind. Hier ist ihr Repertoire an Gemeinsamkeiten beileibe noch nicht abgearbeitet. Es wird sicherlich ausreichen, die verbleibenden zwei Jahre auszufüllen. Diejenigen Themenbereiche, in denen kein Konsens herstellbar ist, können die Parteien dann gerne zum Gegenstand ihrer Profilschärfung machen. Diese Differenzierung wäre professionell und zum Wohle des Landes.

