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16.05.2008 
US-Literatur im Wahljahr

Kein Land für wunde Seelen

von Kerstin Schneider

Für die US-Literatur ist im Wahljahr die zu Ende gehende Bush-Ära kein Thema. Die Autoren machen sich in ihren Werken vielmehr auf die Suche nach Identität. Siri Hustvedt entdeckt dabei die Abgründe der US-amerikanischen Seele, in Cormac McCarthy's Roman wütet ein gefühlskalter Killer und Kultautor Thomas Pynchon zeigt uns eine Welt aus ungezügelter kapitalistischer Gier.

"No Country for Old Men": Die Verfilmung des Romans von Cormac McCarthy räumte im Februar in Hollywood vier Oscars ab. Foto: ReutersLupe

"No Country for Old Men": Die Verfilmung des Romans von Cormac McCarthy räumte im Februar in Hollywood vier Oscars ab. Foto: Reuters

BERLIN. Wo ist George W. Bush? In die Annalen der Literaturgeschichte ist der scheidende 43. Präsident der Vereinigten Staaten jedenfalls noch nicht eingegangen. Weder Konjunkturflaute noch Antiterrorgesetze, die Krise der Mittelschicht oder das Desaster des Irak-Krieges sind Amerikas Starautoren eine Zeile in ihren neuen Romanen wert.

Während eine Flut von Sachbüchern diese Themen seziert, betreibt die amerikanische Belletristik Nabelschau. Zahmer sind die Schriftsteller in der Ära Bush nicht geworden. So schaut Siri Hustvedt („Die Leiden eines Amerikaners“) in die wunden Seelen der Amerikaner und entdeckt wahre Abgründe. Aber die politische Gegenwart ist zur Kulisse geworden, vor der sich die Autoren auf die Suche nach der Identität des Landes begeben.

Gleichzeitig ist ein Zug ins Historische unverkennbar. Während Cormac McCarthys Roman „Kein Land für alte Männer“ in den achtziger Jahren spielt und einen Killer zu einer der Hauptfiguren macht, schlägt Thomas Pynchons Epos „Gegen den Tag" einen Bogen vom Beginn der Industrialisierung bis zum Ersten Weltkrieg.

Die entscheidende Zäsur im Leben der Amerikaner aber ist der 11. September 2001. Das Trauma ist zwar nicht mehr wie bei Don DeLillos Roman „Falling Man“ vom vergangenen Jahr das zentrale Sujet, bereitet aber noch in der Erinnerung flaue Gefühle.

Siri Hustvedt erzählt in ihrem neuem Roman die Geschichte des New Yorker Psychiaters Erik Davidsen, der gezwungen wird, sich nach dem Tod seines Vaters mit seinem eigenen Leben auseinanderzusetzen. Hustvedt interessiert, warum wir unsere Lebensgeschichte so und nicht anders erzählen und warum aus Kindern von Farmern innerhalb von zwei Generationen intellektuelle Städter werden. Die Frau von Paul Auster verarbeitet in dem Roman ihre eigene Familiengeschichte; sie ist Kind norwegischer Einwanderer. In dem Buch erinnert sie an ihren verstorbenen Vater Lloyd Hustvedt.

Geheimnisse belasten Eriks Familie. Jeder leidet auf seine eigene Weise. Schwester Inga hat ihren Mann Max, der als Kultautor galt, verloren. Sein Leben wird nach seinem Tod zur Zielscheibe einer Skandaljournalistin, die die dunklen Seiten des berühmten Autors herausfinden will. Nichte Sonia leidet unter einer traumatischen Erinnerung an den 11. September. Irgendwann sagt sie schluchzend zu ihrer Mutter: „Ich will diese Welt nicht.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Neue Wörter und neue Orte

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