PolitikWeimers Woche
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HANDELSBLATT, Freitag, 22. Februar 2008, 10:49 Uhr
Schwarzgeldskandal

Wir verraten das Private


Der Schwarzgeldskandal ist ein Fest für alle Etatisten. Sie malen grelle Bilder von gierigen Reichen hier und einem armen, hintergangenen Staat da. Selten wurden Sündenböcke so gnadenlos an den Pranger gestellt. Wenn aber das Finanzamt mehr Menschen zu Sündern macht als der Teufel, ist dann nicht das hypertrophe Steuersystem mit Schuld an der Misere?


Oder grenzt es schon an Majestätsbeleidigung zu fragen, ob vielleicht auch der Staat zu gierig geworden ist? Eines wissen wir schon jetzt: Am Ende der Affäre wird der Staat seinen Zugriff auf die Bürger geldlich wie informationell ausgebaut haben.

Ob Erbschaften, Managergehälter oder Geldanlagen. Die Politik fordert neue „Transparenzregeln“. Denn die Transparenz ist immer der Schritt in die Sozialisierung. Es wird öffentlich gemacht, was eigentlich privat sein sollte. Eine strukturelle Neugier treibt die Bürokratie. Eine Gier also.

Diese Gier aber nach dem Einblick ins Private wird zusehends zur Signatur unserer Zeit. Es trifft nicht nur Manager. Überall in der Gesellschaft wird der Raum des Öffentlichen größer, der des Privaten immer kleiner. Ja, das eine erobert das andere geradezu systematisch.

Der Sicherheitsstaat wildert mit Lauschangriffen, Internet¬überwachungen, Bankkonten-Checks, Zigtausenden Videokameras in den Privatsphären der Menschen. Der Steuerstaat raubt uns über das Finanzamt nicht nur unser Geld, sondern auch Detailinformationen unserer Lebensumstände. Der Sozialstaat macht aus souveränen Privatpersonen, aus selbstbewussten Bürgern lauter Systemobjekte des Gesellschaftlichen. Überall müssen wir Privates preisgeben, von der Größe des Kinderzimmers beim Bauantrag bis zur Angabe körperlicher Schwächen bei der Krankenversicherung.

Unter dem Schlagwort „Corporate Social Responsibility“ jagt der Öffentlichkeitswahn auch durch die Wirtschaft. Die althergebrachte Kategorie der Diskretion wirkt in der heute so angesagten „Kultur der Offenheit“ wie eine verdächtige Antiquität. Unternehmen müssen nicht nur die Gehälter ihrer Manager offenbaren, sondern auch ihre Sozialbeziehungen, Ökobilanzen und – Gender Mainstreaming lässt grüßen – das Verhältnis zwischen Männlein und Weiblein.

Was in der Politik und der Wirtschaft im Gange ist, wird von den Medien noch überboten. Sie dringen mit aggressiver Professionalität in die Privatsphäre von Akteuren ein. Längst sind es nicht mehr nur Prominente und die Boulevardpresse, die mit schamloser Zurschaustellung aller Intimitäten das Publikum unterhalten. Die gesamte Kulturindustrie ist durchtränkt vom Entäußerungsspiel des Privaten. Keine Filmpremiere ohne kolportierte Liebeskabalen, kein Schriftstellerporträt ohne Homestory, keine Vernissage ohne Bussi-Bussi-Dokumentation. Und wenn es doch noch einen Restflecken von Privatesse gibt, dann werden bestimmt Google Earth oder „Leserreporter“ mit ihrem Handy diesen Garten fotografieren und online stellen.

Die kollektive Gier nach dem Privaten wird dort grotesk, wo sich die Kraftfelder der gesellschaftlichen Selbstvergewisserung – das Politische und das Mediale – überschneiden. Die Fälle Seehofer und Pauli, aber auch das Outing der hessischen Kultusministerin sind darum keine zufälligen Ausreißer der politischen Unkultur. Sie sind symptomatische Kollateralschäden im kollektiven Feldzug gegen das Private.

Da auf den öffentlichen Bühnen inzwischen alles, aber auch alles verhandelt wird, und die Nachmittagsshows im Privatfernsehen mit ihrer diskursiven Proletarisierung den letzten Rest der Enttabuisierung besorgen, glaubt ein jeder, dem Trend folgen zu müssen. Elternsprecher outen sich als homosexuell, Nachbarn gestehen sich Hautkrankheiten, Jugendliche chatten in Internet-Foren über die Länge ihrer Schamhaare – aber bitte mit Belegfoto von der Webcam. Der Comment „Das gehört sich nicht“ ist verloren. Heute gehört sich alles, was gehört wird. Das Öffentliche wird zum Legitimierenden an sich.

Dabei liegen für viele Einzeloffensiven des Öffentlichkeitswahns gute Argumente parat. Sollten wir nicht besser wissen, wo Politiker nebenbei Vorträge halten? Hat Klaus Wowereit nicht der Akzeptanz von Homosexualität einen guten Dienst erwiesen? Schafft die Umwandlung unserer Städte zu Video¬kamerabühnen nicht wirklich mehr Sicherheit? Vielleicht. Das Problem ist nur: Der Ausverkauf der Privatheit hat einen Preis, der höher ist als wir glauben. Im Falle der Abgeordneten liegt er darin, dass wir aus selbstbewussten Bürgervertretern langsam kuschende Staatsbeamte machen und damit das Parlament schwächen. Im Falle der Aufopferung des Privaten für die Sicherheit heißt der Preis Freiheit. Im Falle der Boulevardisierung des Comments heißt er Würde.

Wenn alle indiskret werden, ist jeder jedem ausgeliefert. Wenn alles zu Bühnen erklärt wird, gibt es nur noch schamloses Schauspiel. Wenn alles verfügbar wird, verschwindet der Respekt. Die Summe der Fehlentwicklungen macht die Sache zum Problem. Gerade nach den traumatischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, seinen Ideologien des Antiprivaten, seiner Raserei der Kollektivierung in Rassen und Klassen müsste den Zivilgesellschaften doch klar geworden sein, dass sich die Integrität von Demokratie und Kultur immer am Einzelnen entscheidet. Das Private ist das Eigentliche – und das gilt aus einer privaten wie aus einer politischen Perspektive.

Dr. Wolfram Weimer ist Herausgeber und Chefredakteur von Cicero.
Lesen Sie mehr unter » www.cicero.de


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