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HANDELSBLATT, Donnerstag, 20. März 2008, 12:11 Uhr
Weimers Woche

Es war einmal ein Linksruck


Es war einmal ein Linksrückchen, das gerne groß sein wollte. Also nannte es sich Linksruck, suchte in Oskar Lafontaine einen großen Bruder und polterte mit verbalen Mindestlohnkeulen durchs Land. Das Linksrückchen grölte so laut, dass viele glaubten, es sei tatsächlich ein veritabler Ruck. Vor allem die gute, alte Tante SPD ließ sich ganz fürchterlich erschüttern.


Sie schickte ihren Gatten Gerd mitsamt Agenda in die Wüste des Vergessens und Verteufelns, dann Bruder Franz und Vetter Wolfgang. Ja selbst die Onkel Franz-Walter und Peer wurden plötzlich in eine rechte Ecke gestellt, als sei jetzt Sozialismus angesagt.

So stürzte die Tante linkswärts, stolperte und strauchelte und machte eine gar peinlich-ypsilantische Figur dabei. Nun wird über Fehler und Personen und Koalitionen räsoniert. Dabei liegt die Ursache des SPD-Fiaskos gleich am Anfang der Geschichte: beim Linksrückchen nämlich.

Selten zuvor in der bundesrepublikanischen Geschichte ist eine Volkspartei auf einen derartigen Bluff hereingefallen. Die Diskrepanz von gefühltem und tatsächlichem Zeitgeist ist die Lücke, in die die SPD derzeit stürzt. Denn den vermeintlichen Linksruck gibt es in Deutschland gar nicht.

Man hätte auf die Politologen hören können: Die Parteienforscher signalisieren seit Monaten, dass alle Medienwelt zwar vom Linksruck fantasiert, die Bevölkerung den aber weder fühlt noch will noch wählt. Seit der Bundestagswahl hat das vermeintliche „linke Lager“ in den neun Landtagswahlen rund vier Millionen Wählerstimmen verloren. Man hätte auf die Soziologen hören können, die seit einiger Zeit entlarven, dass alle Neo-Bewegungen, vom Neo-Liberalismus über den Neo-Konservativismus bis zum Neo-Sozialismus der Linksrücker, nur als scharfkantige Fragmente ihrer selbst wahrgenommen werden und Ablehnung provozieren.

Man hätte auf die Wirtschaftswissenschaftler hören können, die detailgenau diagnostizieren, dass der vermeintliche Wohlstandseinbruch in der unteren Hälfte der Gesellschaft gar nicht stattfindet. Vielmehr sind die Hunderttausenden neuer Arbeitsplätze just dort entstanden. Vom Reiseverhalten der Massen über die Ausstattung mit Handys, Internetanschlüssen und Flachbildschirmen bis zur Verlängerung der Lebenserwartung (also einem medizinischen Wohlstandssprung) bildet sich in Wahrheit kein Abstieg, sondern ein Aufstieg der unteren Bevölkerungsschichten ab. Ein Blick in die massenhaft entstehenden Reihenhaussiedlungen verrät mehr von Deutschlands wohliger Kleinbürgerwirklichkeit als Lafontaines Gespenstererzählung über die Armut.

Man hätte auch die Kulturschaffenden hören können, die professionellen Sensoren zeitgeistiger Veränderung also. Denn die hätten von der völligen Absenz einer linkskulturellen Welle berichten können. Stattdessen dominiert noch immer der intellektuelle Retro-Swing neuer Bürgerlichkeit. Die Themen der Literatur, die Stoffe der bildenden Künste, die Sprache der Theaterformen sind revisionistisch, nicht revolutionär. Nicht einmal in der 68er-Debatte glimmt ein Feuer, bestenfalls ein wenig Altherrenromantik. Götz Alys wilde Thesen von der Endmoräne des Totalitarismus dominiert die Historiendebatte wie Jonathan Littells schräges Buch über die Nazizeit. Wer die großen Diskurse verfolgt, kommt eher zum Schluss, dass die legendäre „kulturelle Hegemonie“ vielen gehört, bestimmt aber nicht mehr den Linken – wenn es die überhaupt noch gibt.

Insgesamt ist die Linksruckschimäre ein Indiz für den Paradigmenwechsel in der Merkel-Republik. Denn in ihr vollzieht sich ein Achsenbruch des klassischen Ideologieschemas. Seit 1989 fehlt dem kollektiven Bewusstsein das äußere Koordinatensystem des ideologischen Links-rechts-Wettstreits; nun erodiert auch im Inneren das Spiel klarer weltanschaulicher Verteilung.

Die neue „Crossover-Mentalität“ ist die Signatur unserer Zeit, sie geht wie eine Wanderdüne über die alten Schützengräben der ideologischen Zeit hinweg. Die bürgerliche Republik hat sich in zentralen Feldern der Selbstdefinition so stark verändert, dass ein ideologischer Spannungsbogen kaum noch etwas trägt. In der Umweltpolitik, in der Familien- und Technologiepolitik, bei Bildungs-, Geschlechter- und Integrationsfragen – also bei Schlüsselfragen des Alltagslebens gibt es rechts und links nicht mehr. Deswegen folgen die neuen Koalitonsexperimente durchaus einer innerlich aufgelockerten Gesellschaft.

Das Gerede von linken oder rechten Mehrheiten ist daher so vernünftig wie Kalte-Kriegs-Logik in der neuen Weltpolitik. Die multipolare Welt hat unsere Nachbarschaft erreicht. Jeder ist irgendwo Minderheit, Patchworks sind die Regel, nicht mehr die Massenformierungen.

Wir leben in einer Zeit der Hybride. Nicht nur bei Motoren, Autos, Kraftwerken und Internetportalen. Sondern auch bei Mentalitäten. Politiker wie Angela Merkel, Ole von Beust, Ursula von der Leyen oder Christian Ude verkörpern das. Darum haben sie Erfolg mit ihren bunten Mosaiken der Mitte.

Wolfram Weimer ist Herausgeber und Chefredakteur von Cicero. Seine Wochenkommentare lesen Sie unter » www.cicero.de


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