Zweitens vollzieht die Union unter Merkel einen ähnlichen inneren Zerfall wie die SPD unter Schröder. Beide profilieren ihre Regentschaften als ein richtungspolitisches Crossover, sie positionieren sich bewusst in der Mitte der Gesellschaft, nicht aber in die Mitte ihrer jeweiligen Parteien. Die wechselseitigen Überholmanöver - Schröder nach rechts, Merkel nach links - bekommen der Kanzlerfigur in den persönlichen Sympathiewerten zwar prächtig, ihrer jeweiligen Partei aber richtig schlecht.
Als Gerhard Schröder den Marktreformer gab, applaudierte das deutsche Bürgertum, doch die Agenda 2010 kam auf Kosten der linken Seele seiner Partei. Und wenn nun umgekehrt Angela Merkel in Vielem eine sozialdemokratische Politik verfolgt, dann kränkt sie ihrerseits das konservative Herz der Union. Die CDU ist nach zwei Jahren Großer Koalition innerlich jedenfalls verwundet. Langfristig aber lässt sich ein verwundetes Pferd auch vom strahlendsten Reiter nicht mehr bewegen.
Drittens drohen Angela Merkel bald ganz andere, trübere Zeiten. Die außenpolitische Rote-Teppich-Phase trägt nicht ewig, der Aufschwung läuft im laufenden Jahr aus, und die Stimmung beginnt zu kippen. Dann aber steigt sie herab von ihrem Erfolgshügel und muss schmerzlich feststellen, dass der nur 37 Prozentpunkte hoch gewesen ist.
Ihre still verwundete Partei ist schon dabei, sich zu melden. Christian Wulf drängt es in die Bundespolitik, Jürgen Rüttgers spielt den Arbeiterführer, Friedrich Merz wird schmerzlich vermisst. Ein Siemens-CDU-Skandälchen hier, eine missratene Rentenerhöhung da, ein Gesundheitsreformdesaster dort, ein Etatzank über allem.
Immer lauter werden die rhetorischen Absetzbewegungen von der Merkelbilanz in der Großen Koalition. Und so rächt es sich langsam, dass Angela Merkel in der Phase ihrer Triumphe viele vermeintliche Konkurrenten verletzt hat. Von Schäuble und Stoiber und Kohl bis Schönbohm und Merz, von Wulff und Koch bis Rüttgers und zuletzt Oettinger hat sie alle nicht nur besiegt, sondern eben auch düpiert.
Nun lernt man aber durch Demütigungen viel mehr als durch Siege. Das könnte Merkels Problem werden. Denn ihr Erfolg hat sie in einem sehr politischen Sinne einsam gemacht. Der einsame Triumph aber - das wusste schon Machiavelli - reitet zu Pferde aus und kehrt zu Fuß wieder heim.
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