PolitikWeimers Woche
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HANDELSBLATT, Freitag, 9. Mai 2008, 12:17 Uhr

Heute hat sich der Witz erledigt. Denn es gibt keine Gutmenschen mehr, sie sind verschwunden. Heute sind alle nur noch Macher. Die postmoralische Welt triumphiert. Machiavelli hätte seine helle Freude daran, wie sehr doch die „Realpolitik“ wieder alle Deutungsmacht erlangt und Helmut Schmidts Bonmot Zustimmung erfährt, wonach Visionäre und Moralisten doch bitte zum Arzt gehen mögen.

Und so feiern die Bildungsbürger plötzlich wieder Nietzsche und Goethe, man liest wieder Heidegger statt Adorno, Thomas Mann statt Bertolt Brecht. Selbst Jürgen Habermas, die letzte lebende Legende der Frankfurter Schule, ist vom fordernden Soziologen zum mythologisierenden Religionsphilosophen zurückverbürgerlicht. Und in seiner Heimatstadt der linken Bewegung, im APO-Frankfurt kuschelt sich das linksökologische Milieu genau wie in Hamburg in schwarz-grüne Großstadtregierungen.

Die Restauration ist kulturell weiträumig angelegt: Am bunten Ende ist selbst RTL vom bürgerlichen Rollback erfasst. Der Sender, der einst frech mit blanken Busen begann, macht heute die höchsten Quoten mit einer Super-Nanny, die deutschen Familien den bürgerlichen Erziehungskanon erklärt, und – noch unglaublicher – mit Abendshows im Smoking, die den Standardtanz zelebrieren und Höflichkeitsrituale der fünfziger Jahre hochleben lassen.

Am oberen Ende verdrängen die Historiker und Juristen die konkurrierenden Soziologen und Politologen von den Bühnen des Diskurses. Alle aktuellen Geistesdebatten Deutschlands werden von konservativen Stichwortgebern initiiert. Damit wird auch die Begrifflichkeit gegenreformatorisch durchdekliniert.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: „Elite“ ist wieder eine Orientierungsformel


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