Der Gegenentwurf, der sich immer mehr durchsetzt, geht von einer gewissen Marktmacht der Unternehmen am Arbeitsmarkt aus. Diese entsteht, weil die Arbeitnehmer aus verschiedenen Gründen nicht gern die Stelle wechseln – zum Beispiel, weil sie nicht genau wissen, wer wie viel bezahlt und wo gerade eine passende Stelle frei ist, weil Pendeln Zeit und Geld kostet. In solchen Fällen braucht es recht große Unterschiede im Gehaltsniveau zwischen Unternehmen, damit die Arbeitnehmer darauf reagieren.
Anhand von Daten des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung haben Boris Hirsch, Thorsten Schank und Claus Schnabel nachgeprüft, wie hoch die Angebotselastizität der Arbeitnehmer in Bezug auf die Gehaltshöhe ist, und insbesondere, ob sich die Elastizität von Männern und Frauen deutlich unterscheidet. Die Daten beruhen auf den Meldungen der Unternehmen zur Sozialversicherung. Sie erlauben es festzustellen, wie hoch die bezahlten Gehälter sind, und wie viele Männer und Frauen das Unternehmen verlassen und neu eingestellt werden.
Wie nicht anders zu erwarten, verlassen um so weniger Angestellte ein Unternehmen, je besser dieses Unternehmen bezahlt. Die Elastizität ist aber je nach Schätzmodell mit 0,6 bis 1,4 Prozent recht gering. Eine Erhöhung des Gehalts um ein Prozent vermindert die Abwanderungsrate nur um etwa ein Prozent. Das scheint zu der These von begrenzten regionalen Nachfragemonopolen zu passen.
Richtig interessant ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen. Die Elastizität bei den Männern ist annähernd doppelt so hoch wie bei den Frauen. Die Studie betritt methodisch Neuland und ist noch nicht in einem referierten Journal erschienen, so dass die Ergebnisse noch mit etwas Vorsicht zu genießen sind. Den nächsten Schritt, der zu unternehmen wäre, skizzieren die Autoren bereits. Wenn ihre Theorie stimmt, sollte man feststellen, dass der Lohnnachteil der Frauen in einem Unternehmen um so geringer ist, je stärker dieses auf dem Arbeitsmarkt Konkurrenz ausgesetzt ist.
