Keine 100 Besucher sind es, die Ron Sommer zuhören. Die Reihen sind zwar besser gefüllt als zum Auftakt des Prozesses. Von dem Ansturm, der zur Verlegung des Prozesses in den Saalbau zu Bornheim führte, aber keine Spur.
Von der dritten Reihe aus beobachten Brigitte und Horst G., wie Sommer sich im Zeugenstand schlägt. Ein paar Tausend Euro hat das Ehepaar aus einer Kleinstadt im Rheinland mit Telekom
-Aktien verloren und sich der Sammelklage angeschlossen. "Wahrscheinlich sehen wir nicht einen Bruchteil des Geld wieder, aber wir wollen mindestens erleben, wie die Manager vor Gericht ins Schwitzen kommen", sagt Horst G.
Vergeblich: Ron Sommer schwitzt nicht, Ron Sommer kommt nicht in Verlegenheit, Ron Sommer wird nicht nervös. Er wird höchstens ungehalten, sehr ungehalten - wenn er immer wieder dieselben Fragen beantworten, sich an Details erinnern soll, an die er sich partout nicht erinnern will oder kann.
Dann fallen Sommers Antworten so aus: "Sie haben offenbar keine Vorstellung von der Arbeit eines Vorstandsvorsitzenden bei einem Konzern dieser Größenordnung." Oder so: "Das weiß ich nicht mehr. Ich bin kein wandelnder Kalender." Mit Polizeischutz und im Blitzlichtgewitter hat Sommer den Saal betreten. Vorher haben Spürhunde zwischen den Tischen und Stühlen nach Bomben geschnüffelt, ein Techniker die Großbildleinwand ausprobiert, die nun Ron Sommers Gesicht zeigt: große, weit geöffnete Augen hinter Brillengläsern, die ihn jünger aussehen lassen als 58, den leicht belustigt wirkenden schmalen Mund.
Neben dem Zeugen Sommer sitzt Max Hirschberger. Man kennt sich aus alten Zeiten. Der Jurist hat einmal Sommers Büro bei der Telekom
geleitet, später war er im Vorstand für die Strategie zuständig. Im Zweifel ist Hirschberger derjenige, der spitzfindige Fragen von Andreas Tilp und den anderen Klägeranwälten besser beantworten könnte. Wie Sommer verließ Hirschberger die Telekom
2002. Nun arbeitet er für die Kanzlei Beiten Burkhardt - und steht seinem Ex-Chef im Prozess juristisch bei.
Die Rollen haben sich geändert. Sonst aber scheint es, als sei die Zeit stehengeblieben, wenn Ron Sommer über das Jahr 2000 berichtet, über die Pläne der Telekom
, keinesfalls als europäischer Nischenanbieter zu enden, sondern ein Global Player zu werden. Das hat er seinen Aktionären schließlich immer versprochen.
Damals ist er noch nicht "der Vernichter des Geldvermögens", auch nicht "der Blender" oder "Bibelverkäufer", wie er später geschimpft wird. Sommer wird als Popstar gefeiert, als Mann, der eine behäbige Behörde auf Trab brachte und für den der damalige Kanzler Gerhard Schröder vor laufenden Kameras seine Hände zum Telekom
-T formt.
Im März 2000 trifft sich Sommer zum ersten Mal mit dem damaligen Voicestream-Chef John Stanton. "Es war ein Herantasten, um auszuloten, ob ein Zusammengehen Sinn macht", erzählt der ehemalige Telekom
-Chef vor Gericht. Ergebnis des Vorgeplänkels: "Ein Zusammengehen erschien uns eher unwahrscheinlich."
Erst vier Monate später, Mitte Juli, habe er mit Stanton die entscheidenden Gespräche geführt und sich auf den Preis geeinigt - in einem abgelegenen Domizil in Sun Valley, einem Skiort im US-Bundesstaat Idaho.
Hat es nicht zwischendurch noch Kontakt zu Stanton gegeben? Was genau hat man besprochen? Wer hat wen angerufen? Wann entschied Sommer, die Bilanzen von Voicestream genauer zu studieren?
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