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HANDELSBLATT, Montag, 16. Juli 2007, 10:29 Uhr
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TV ist tot

Von Mario Sixtus

Den Fernsehsendern läuft das junge Publikum davon. Handy-TV wird es kaum zurückholen. Denn das Broadcast-Modell ist von gestern. Wer selbstbestimmtes Navigieren im Web gewohnt ist, will nicht mehr zu einem bestimmten Zeitpunkt einen bestimmten Sender einschalten.


© Handelsblatt.com
Handy-TV ohne TV-Sender

DÜSSELDORF. Deutschland ist ein Volk der Glotzer: 212 Minuten verbringt jeder Bundesbürger im Schnitt täglich vor der Flimmerkiste. Vor zehn Jahren waren es erst 183. Das sind Zahlen, die Senderchefs triumphierend auf den Tisch legen, wenn man sie fragt, ob das Internet eine Gefahr für die Vormachtstellung des Fernsehens ist. Klingt nach einer sorgenlosen Zukunft für TV-Macher. Wie so oft ist die Wahrheit jedoch komplexer.

Die beachtlich steigende Pantoffelkino-Nutzungsdauer und die leeren Rentenkassen haben eines miteinander gemeinsam: Ursache ist in beiden Fällen der demografische Wandel. Tatsächlich befeuern hauptsächlich die glotzfreudigen Senioren die Fernsehstatistik.

Eine Studie von Forrester Research stellt fest, dass für 38 Prozent der Amerikaner unter 26 Jahren der PC das unentbehrlichste technische Gerät darstellt, gefolgt vom Handy. Auf die Fernsehkiste könnten nur 18 Prozent am wenigsten verzichten. Auch hierzulande dürfte eine ähnliche Prioritätenverschiebung im Gange sein. Speziell private TV-Sender werden somit bald in Erklärungsnöte geraten, wenn es um die Rechtfertigung ihrer Werbepreise geht. Und was tut man, wenn einem das Publikum wegläuft? Man läuft hinterher – oder versucht es zumindest.

Ein Hoffnungsträger der Sender heißt DVB-H, kurz Handy-TV. Wenn die Jugend sich schon weigert, vor der Glotze zu hocken, will man ihnen das Programm aufs Handy-Display pumpen.

Meine Kristallkugel sagt: Auch über den Umweg Mobiltelefon werden junge Menschen nicht zu braven Fernsehkonsumenten. TV-Macher begreifen nicht, dass die mit dem Netz groß gewordene Generation sich keineswegs von bunten Bewegtbildfolgen verabschiedet hat, sondern vom Broadcast-Konzept. Wer selbstbestimmtes Navigieren durch Info-Berge und Entertainment-Ozeane im Web gewohnt ist, will nicht mehr zu einem bestimmten Zeitpunkt einen bestimmten Sender einschalten.

DVB-H dürfte nach WAP der nächste große Mobilfunk-Flop werden und obendrein an der Überalterung des Fernsehpublikums kaum etwas ändern. An der Spitze der Sender sitzen nunmal ältere Männer, die oft genug jeden Mausklick von der Sekretärin erledigen lassen.

Einmal mehr sind es kleine Firmen, die den Weg in die Zukunft weisen. Nach dem Vorbild von Apples iTunes-Dienst bietet etwa das Berliner Start-up Dailyme.tv ein kostenloses Abo-System für Handy-Videos. Die Zeithoheit bleibt beim Nutzer. TV-Sender sind überflüssig.


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