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HANDELSBLATT, Montag, 27. August 2007, 14:00 Uhr
Kolumne

Lebende Wikis

Von Mario Sixtus

Im Netz finden wildfremde Menschen zu gemeinsamen Projekten zusammen. Barcamps beweisen, dass dieses Prinzip auch offline funktioniert.


© Handelsblatt.com
Lebendes Wiki: Barcamp Köln

Über die Fragen, wie wir in Zukunft arbeiten, und wie eine postindustrielle Gesellschaft aussehen könnte, deren wertvollster Rohstoff Wissen ist, wird allerorten viel geredet und spekuliert. Ganze Berater-Armeen verdienen im Hier und Jetzt gutes Geld mit Orakeleien über das Morgen. Wer sich zur richtigen Zeit an den richtigen Orten herumtreibt, ist auf solcherlei Theoriespielchen nicht angewiesen, denn manchmal lässt sich das Kommende beim Werden zuschauen. Barcamps sind solche Orte der Zukunftsahnung.

Barcamp klingt zugegebenermaßen ein wenig nach einem Zeltlager von Trinkfreunden, hat aber weder mit den einen, noch mit dem anderen besonders viel zu tun, sondern bezeichnet vielmehr eine Web-Konferenz, die aus sich selbst heraus entsteht. Wenn man so will: ein menschliches Wiki.

Für die Inhalte der Sessions und Vorträge sorgen allein die Teilnehmer, Themenvorschläge sammeln sie vorab im Web, und die jeweilige Tagesagenda puzzeln die Anwesenden flugs aus handbeschriebenen Pappkärtchen zusammen. Was sich wie eine Art Kindergeburtstag für Technologiebegeisterte anhört, führt zu Diskussionsrunden erstaunlicher Qualität und inhaltlicher Tiefe, wie man sie im kommerziellen Konferenz-Zirkus selten findet. Ad Hoc schlägt Planung - mühelos.

Es ist kein Wunder, dass sich die selbstorganisierenden Wissenszirkel zunächst aus der Szene der Web-Worker heraus entwickelt haben: Anders als die meisten Kulturpessimisten behaupten, ist das Netz nämlich ein hervorragender Trainingsplatz für soziale Interaktion und Kommunikation im scheinbaren Chaos.

Zurück zur Zukunft: Wer sich in der digitalen Wirtschaft tummelt, hat mit den drei klassischen Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital nicht mehr viel am Hut. Warum also sollte er betriebliche Strukturen benötigen, die ursprünglich von militärischen Befehlsketten abgeleitet und auf die Produktion physischer Güter optimiert wurden? Projekt-Teams lassen sich im einundzwanzigsten Jahrhundert ebenso schnell zusammentrommeln, wie eine Konferenz aus dem Boden stampfen.

Und noch etwas lehren uns Barcamps: Wissen, der angeblich wichtigste Rohstoff, trotzt hartnäckig genau dieser Rohstoff-Metapher und verhält sich stattdessen lieber wie Freud' und Leid im Volksmund: Es verdoppelt sich beim Teilen. Die disruptive Kraft des Internet entfaltet sich über die Bande. Sie verändert unsere Welt nicht direkt, sondern nimmt den Umweg über unser Denken. Vor uns liegen spannende Zeiten.


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