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HANDELSBLATT, Montag, 13. August 2007, 14:00 Uhr
Kolumne

Atomisierte Welt

Von Mario Sixtus

Wenn Web-Strategen in der Vergangenheit leben, ist es gar nicht schwer, ihnen die Gegenwart als Zukunft zu verkaufen.


Manche Menschen lieben Versionsnummern: Auf einer Internet-Konferenz in Seoul wurde Google-Chef Eric Schmidt neulich gebeten, seine Vision des Web 3.0 zu schildern. Anfangs zierte sich Schmidt ein wenig und wies unwillig auf die Marketing-Herkunft des Begriffs Web 2.0 hin, doch dann plapperte er doch noch fröhlich seine Vorstellungen über das Netz der Zukunft aus.

Etliche kleine Applikationen würden künftig das Web durchziehen, schnell anzupassen und flexibel würden diese Anwendungen sein und über virale Kanäle, wie beispielsweise soziale Netzwerke, ihren Weg zum Nutzer finden.

Genau betrachtet ist Schmidts Vision gar keine, sondern die Beschreibung eines Prozesses, der längst im Gange ist. Das Netz wird granular, kleinteilig, es entzieht sich zunehmend Metaphern aus der physischen Welt.

Der rasante Aufstieg der Videoplattform YouTube hat gezeigt, wohin der Hase läuft. YouTube ist kein "Video-Portal", auch wenn deutsche Journalisten das gerne behaupten. Sogenannte Video- Portale dümpelten bereits dutzendfach im Web vor sich hin, als Youtube Anfang 2005 die Bühne betrat. Es war ein winziger Kniff, der den Newcomer zum Senkrechtstarter werden ließ: YouTube schenkte dem Nutzer die Möglichkeit, Videos in eigene Webseiten einzubetten. Ein kleiner Code-Schnipsel reicht aus, und schon lernen die Bilder auf der eigenen Seite laufen, im eigenen Blog, im Myspace-Profil, auf der Ebay-Auktionsseite, wo auch immer man will.

"Widgets" nennen sich diese kleinen Elemente, die aus der Ferne geladen werden und die eigene Seite mit zusätzlichen Funktionen anreichern. Hunderte davon stehen mittlerweile zur Auswahl und täglich kommen neue hinzu. Sie stehen für einen grundlegenden Strategiewechsel im Web: Man lockt den Nutzer nicht mehr zu sich, sondern man gibt ihm etwas mit. Es geht nicht mehr um Orte, sondern nur noch um Menschen.

"Die Zukunft ist bereits da, sie ist nur ungleichmäßig verteilt", sinnierte einst der Science-Fiction-Autor William Gibson. Etliche Web-Strategen leben mental immer noch in den 90-er Jahren. Und während sie über neuen Portal-Konzepten brüten, verteilt sich das YouTube-Filmchen mit Eric Schmidts Ansprache nahezu selbständig über das Web. In Tausenden Blogs ist es mittlerweile zu finden. Dezentral und ortlos. Herzlich willkommen in der Gegenwart.


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