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HANDELSBLATT, Montag, 7. Januar 2008, 14:49 Uhr
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Info-Flut

Von Mario Sixtus

Informationsüberflutung: Einst eine Grusel-Erfindung von Kulturpessimisten, taucht der Begriff auch bei Technologieoptimisten auf; der Umgang mit der anschwellenden Informationsmasse ist ein Dauerthema. Die einen bejammern die wachsenden Berge an Informationen, die anderen träumen von hilfreichen Software-Agenten.


HB. Im Jahr 1970 herrschte in Deutschland Ruhe an der Informationsfront. Gerade einmal drei Programme bespielten halbtags die Schwarz-Weiß-Fernsehgeräte, in den Firmen tickerten Fernschreiber gemächlich vor sich hin und tragbare Sprechgeräte besaß lediglich die Besatzung des Raumschiffs Enterprise. In diesem Jahr veröffentlichte der US-Autor Alvin Toffler sein Buch „Future Shock“ in dem erstmals der Begriff „Information Overload“ auftauchte, welcher einige Zeit später als „Informationsüberflutung“ im deutschen Vokabular landete.

Ihr Hochzeiten erlebte die Info-Flut-Metapher Mitte der achtziger Jahre, als private Fernseh- und Radiokanäle die verschlafene deutsche Medienwelt durchschüttelten und natürlich zehn Jahre später, als in TV-Talk-Runden alte Männer mit ernsten Gesichtern erstmals von einer „Datenautobahn“ raunten. All diese Mahner und Warner des letzten Jahrhunderts gehörten selten zu den Fortschrittsfreunden. Oft genug kaschierten die Info-Flut-Warnrufe lediglich die Unlust des Rufenden, sich auf eine wandelnde Welt einzustellen. Die größte Angst des Begrifferfinders Toffler galt keineswegs einem Zuviel an Information, vielmehr graute es ihm vor berufstätigen Frauen, langhaarigen Jugendlichen und Homosexuellen.

Allerdings: Der exponentielle Anstieg der zur Verfügung stehenden Informationen ist keine Grusel-Erfindung konservativer Kulturpessimisten. Er ist real. Auch am entgegengesetzten Ende der Gesellschaft, dort, wo die Technologieoptimisten leben, ist der bestmögliche Umgang mit anschwellenden Informationsmassen ein Dauerthema. In den frühen Web-Tagen fantasierten Zukunftsbegeisterte gerne von so genannten Agenten. Kleine Software-Helferlein, die genau über unsere Interessen und Gewohnheiten Bescheid wüssten, sollten selbsttätig durch Infoströme und Faktendschungel navigieren und uns mit Hilfe künstlicher Intelligenz eine individuell zusammengestellte Informationsdiät kredenzen. Im Jahre 2008 ist klar: Weder die Mahner noch die Utopisten haben uns in Sachen Info-Überladung weitergebracht. Jetzt sind die Pragmatiker dran. „Die Alpha-Geeks sind die ersten, die dieser Flut ausgesetzt sind und nach Mechanismen suchen, ihr zu entkommen“, sagt der Hamburger Web-Entwickler Frank Westphal. Seine Plattform „Rivva“ bündelt automatisch Nachrichten mit ähnlichem Inhalt. So soll Rivva einerseits Redundanz in der täglichen News-Aufnahme vermeiden, andererseits themenverwandte Texte mit unterschiedlichen Standpunkten zusammenführen. Anders als die vollautomatische Konkurrenz „Google News“ nutzt Rivva Menschen als Relevanzfilter: Hyperlinks aus der deutschsprachigen Blogwelt weisen das System auf aktuelle Diskussionen hin.

Das zeigt: Infomassen zu verfluchen ist der falsche Ansatz. Mit einer sportlichen Einstellung und der richtigen Ausrüstung kann ein Sprung in die Fluten sogar Spaß machen.


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