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HANDELSBLATT, Montag, 14. Januar 2008, 12:06 Uhr
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Mein Netz

Von Mario Sixtus

Das world wide web bietet ein schier unendliches Informations- und Interaktionsangebot. Erfahrene Web-Bürger sind Rosinenpicker, sie strafen Orte des Hasses und der Hetze schlicht mit Nichtbeachtung. Das Internet ist die Manifestation des Pippi-Langstrumpf-Liedes: Jeder macht sich seine Welt, wie sie ihm gefällt.


HB. Es lohnt sich nicht, sich mit Menschen zu beschäftigen, die das Internet nicht verstehen, die sind sowieso bald tot“, tönte jüngst der US-Unternehmer und Berufsprovokateur Jason Calacanis auf einer Konferenz. Als netzaffiner Mensch ist man geneigt, Calacanis zuzustimmen und hinzuzufügen: „Aber bis dahin können Sie einem ganz gewaltig auf die Nerven gehen.“

Das Netz hat merkwürdigerweise etwas mit Spielen der deutschen Fußballnationalmannschaft gemeinsam: Jeder fühlt sich berufen daran herumzukritisieren, ob er die Spielregeln nun kapiert hat oder auch nicht. Dabei scheitern die allermeisten Kritiker bereits an der elementarsten Grundregel des Netzverständnisses: Genau genommen gibt es nicht ein Internet, sondern unendlich viele.

Das quasi unendliche Informations- und Interaktionsangebot des Webs erlaubt es jedem Nutzer, sich sein eigenes Netz zusammenzubauen. „In meinem Internet gibt es keine Pornos, in deinem etwa?“, lautet ein gängiger Scherz unter Netzbewohnern, in dem viel Wahres steckt.

Erfahrene Web-Bürger sind Rosinenpicker und strafen Orte des Hasses und der Hetze schlicht mit Nichtbeachtung. Eine Medienkompetenz, die den meisten Kritikern abgeht. Diese wühlen offenbar lieber im Dreck, auf der Suche nach Belegen für das schmutzige Internet. An einem Ort, an dem unendlich viel von allem existiert, ist diese Methode der Beweisführung ebenso müßig wie sinnlos, reicht aber einfach gestrickten Zeitgenossen immer wieder für die Zementierung ihres Weltbildes aus.

Die neuen Lieblingsfeinde der Netz-Basher sind die Amateure. Nur Profis, so verkündet regelmäßig der Altherrenchor aus den Feuilletons, lieferten anständige Arbeit, Hobbyisten fabrizierten nur Murks. Neuestes Chormitglied ist Joachim Huber, der kürzlich im Kulturteil des Tagesspiegels buchstabenreich über die „fehlende Ahnung“ der Amateure nörgelte. Es sei eigentlich ungeheuerlich, wie viel Zeit und Energie online verbracht und verschwendet wird.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Perlen des Web.


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