Vielschichtig wie die Vorschläge zur Lösung des Energieproblems sind auch dessen Ursachen, allen voran die weltweit steigende Nachfrage und der Rohstoffhunger von Schwellenländern wie China und Indien. Gleichzeitig wird die Exploration immer schwieriger. Hinzu kommen hausgemachte Probleme, etwa das Oligopol der marktbeherrschenden Quadriga der deutschen Erzeuger, das den Wettbewerb lähmt. Schließlich wäre da noch der Fiskus, der durch Steuern und Abgaben inzwischen knapp 40 Prozent von jeder Stromrechnung kassiert, beim Kraftstoff sogar noch mehr. Führender Preistreiber an Steckdose wie Zapfsäule ist – der Staat.
Die Industrienation Deutschland steckt in der energiepolitischen Sackgasse. Während Großbritannien seinen Atompark erneuert und auch Spanien neue Kernkraftwerke erwägt, droht deutschen Reaktoren das Aus. Inzwischen denkt Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) laut über eine Verlängerung der Laufzeiten nach, weil der im Koalitionsvertrag festgeschriebene Atomausstieg eine Energielücke erzeugt, welche die hoch subventionierten Regenerativen nicht schließen können. Der Stromanteil von Sonne, Wind und Co. (derzeit 14 Prozent) soll sich zwar bis 2020 auf 25 bis 30 Prozent erhöhen. Doch grundlastfähig, also ständig und flächendeckend verfügbar, sind diese Energieträger noch lange nicht. Die günstigere Variante wäre: Die 17 Atommeiler, die bis 2021 abgeschaltet werden, haben eine Leistung von knapp 24 500 Megawatt und könnten im Prinzip durch die 27 derzeit geplanten Kohlekraftwerke mit einer vorgesehenen Gesamtleistung von etwa 27 500 Megawatt ersetzt werden.
Der doppelte Ausstieg – aus Kernkraft und Kohle – funktioniert jedenfalls nicht. „Wenn wir keine neuen Kohlekraftwerke bauen, gefährden wir unsere Versorgungssicherheit“, warnt Manuel Frondel, Energieexperte am Essener Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). „Mit der ohnehin schon hohen Abhängigkeit von Russland bei Gas und Öl von 36 und 40 Prozent wäre das kritisch.“ Denn die Förderkosten der Braunkohle sind praktisch unabhängig von der Entwicklung des Ölpreises. „Ohne zusätzliche Kohlekraft würden sich die Strompreise vervielfachen“, so Frondel.
Ein gefährliches Spiel. Schließlich steigen die Energiekosten wahrscheinlich sowieso. Allein in den vergangenen zwölf Monaten erhöhte sich der Rohölpreis um rund 80 Prozent. Pessimistische Analysten wie Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin sehen die 200 Dollar schon in Reichweite, womöglich sogar mehr: Seit Beginn des Jahrtausends, so eine Goldman-Sachs-Studie, waren die Prognosen der Ölpreis-Analysten meist zu optimistisch.
Was für das Erdöl gilt, trifft auch auf die anderen Energieträger zu. Erdgas, Kohle und ihre Derivate verteuern sich seit vielen Jahren annähernd im Gleichschritt mit dem Öl. Beim Erdgas aus russischen und westeuropäischen Quellen ist das seit Jahrzehnten in Verträgen zwischen Produzenten und Abnehmern festgeschrieben: Was im vorigen Jahrhundert die Verbreitung von Erdgas sichern sollte, ist unter den heutigen Bedingungen zum automatischen Teuerungsmechanismus geworden.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Kaum Entspannung in Sicht.
