Jüngst gab es sogar kirchlichen Zuspruch für die Kernenergie. Kardinal Renato Raffaele Martino, Präsident des Päpstlichen Rates Iustitia et Pax und einer der engsten Vertrauten von Papst Benedikt XVI, sagte in einem Interview mit „Radio Vatikan“: „Wenn die Sicherheit der Anlagen und der Lagerung garantiert sind“, gehöre die Kernenergie zu den verantwortbaren Energien.
Das Deutsche Atomforum sieht die Entscheidung in London als entscheidendes Indiz für eine weltweite Trendwende zugunsten der Kernkraft. Walter Hohlefelder, Präsident des Forums, meint, die Annahme, das Ausland würde der deutschen Politik des Ausstiegs folgen, habe sich eindeutig als naiv entpuppt. „Wir sollten endlich aufhören zu glauben, schlauer zu sein, als der Rest der Welt. Nicht diejenigen, die die Option Kernenergie offenhalten wollen, sind die ewig Gestrigen, sondern diejenigen, die über die Zukunft der Kernenergie noch nicht einmal nachdenken wollen.“
Marie-Luise Dött, umweltpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, unterstützt die Position. „Es ist zu hoffen, dass die Entscheidung der britischen Regierung auch in Deutschland mehr Realitätssinn in die Diskussion um den Energiemix allgemein und die Nutzung der Kernkraft speziell bringt.“ Bundesumweltminister Sigmar Gabriel sieht dagegen keinen Anlass, den Ausstieg zu revidieren. „Im Gegensatz zu Großbritannien, wo die Entwicklung verschlafen wurde, haben wir für den Ausbau erneuerbarer Energien gesorgt. Wir haben deshalb eine echte Alternative zur Kernenergie.“
Ob diese Alternative rechtzeitig, in ausreichendem Maße und zu tragbaren Kosten zur Verfügung steht, ist allerdings höchst umstritten. Mehr als ein Dutzend große Windparks in Nord- und Ostsee sind zwar genehmigt. Doch bisher ist nur ein Einziger mit einer vergleichsweise kleinen Leistung im Bau: Alpha Ventus mit 60 Megawatt. Nichtsdestotrotz glauben Forscher des Instituts für Solare Energieversorgungstechnik (Iset) an der Universität Kassel, dass bis zum Jahr 2050 nicht nur der Ausstieg aus der Kernenergie gelingen wird, sondern zusätzlich noch ein Verzicht auf Kohle, Öl und Gas möglich ist.
Selbst wenn die 100-Prozent-Lösung gelänge, käme keine rechte Freude auf: Strom würde dann extrem teuer. Der neue RWE-Chef Jürgen Großmann schlägt deshalb einen „Energiepakt für Deutschland“ vor, den Bund, Länder, Verbraucher und Versorgungsunternehmen schließen sollen. „Mein Ziel ist eine saubere, nachhaltige und preiswerte Energieversorgung für unser Land“, sagt er – und lässt keinen Zweifel daran, dass die Kernenergie noch für einen „längeren Übergangszeitraum“ zur Sicherung der Versorgung benötigt werde.
Für Professor Manfred Popp, bis Ende 2006 Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Karlsruhe, ist es gar keine Frage, wie es in Deutschland weitergeht. Wenn der Ausstiegsbeschluss nicht revidiert wird, würden deutsche Energieversorger neue Kernkraftwerke in den östlichen Nachbarländern bauen und Strom importieren. „Die Aktivisten“ hätten übersehen, „dass wir in einem vereinten Europa leben und jede Form einer nationalen Energiepolitik ein Anachronismus ist“.
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