0 Bewertungen
04.02.2008 
Heizkosten senken

Revolution per Reflexion

von Dietrich von Richthofen

Eine preiswerte Erfindung soll den milliardenschweren Markt für Dämmstoffe revolutionieren: Mit einem simplen Trick will der Berliner Architekt Christoph Schwan die Heizkosten senken. Anstatt Häuser wie bisher dick einzupacken, setzt der Berliner Architekt auf das wärmende Prinzip der Thermoskanne.

Klassische Dämmmaterialien könnten schon bald Konkurrenz bekommen. Foto: dpaLupe

Klassische Dämmmaterialien könnten schon bald Konkurrenz bekommen. Foto: dpa

HB. Eine undichte Thermoskanne brachte Christoph Schwan auf die Idee. „Die Gummidichtung war kaputt“, erinnert sich der Berliner Architekt. Also schraubte er das Billigteil auf: „Nichts zu retten.“ Doch das Innenleben der Kanne regte seine Fantasie an: „Das isolierende Prinzip müsste doch auch in der Bautechnik umsetzbar sein“, fand Schwan und grübelte. Er fing an, Ziegelsteine mit Alufolie zu bekleben, telefonierte mit Physikprofessoren, klemmte sich hinter Fachbücher mit Strahlungsgesetzen. Und kurz darauf stand er in München im Patentamt.

Auf Schwans Zeichentisch, zwischen Skizzen, Notizen und Aktenordnern, liegt das, was er in München aus der Tasche zog: Eine porös wirkende Betonplatte, etwa zwei Zentimeter dick. Dreht man sie herum, kommt der Clou: Da ist sie mit robuster Aluminiumfolie beschichtet – eine Art Thermoskachel. Zugegeben: Spektakulär wirkt das geriffelte Teil nicht. Doch der 69-Jährige, der da in seiner Charlottenburger Altbauwohnung sitzt, ist stolz auf den Effekt: „Wer sein Haus mit solchen Kacheln verkleidet, kann einen erheblichen Teil seiner Heizkosten sparen.“

Zur Beruhigung: Das eingekleidete Haus sieht nicht aus wie eine Diskokugel. Die Alufolie weist nach innen, um die Strahlungswärme des Hauses zurückzuwerfen. „Ich war überrascht, dass niemand vor mir auf diese einfache Idee gekommen ist“, frohlockt Schwan. Erste Aufträge hat er: Ein Einfamilienhaus in Niederbayern, ein Berliner Mietshaus und mehrere Plattenbauten in Leipzig sollen die Thermosfassade bekommen.


Tabelle  Infografik: Wärmende Alufolie.


Mit seiner Erfindung zielt der Architekt in einen milliardenschweren Markt: Jährlich werden rund 30 Millionen Quadratmeter Fassadenfläche verkleidet – meist wird das Haus dick eingepackt mit Mineralwolle oder Polystyrol. Mit seinen schlanken Kacheln geht Schwan auf offenen Konfrontationskurs. Der traditionellen Lehrmeinung der Bauphysik begegnet Schwan mit Skepsis. Seine preiswerte Lösung sei den klassischen Dämmsystemen „haushoch überlegen“, sagt er angriffslustig – und piesackt mit solchen Äußerungen die Etablierten. „Klassische Verbundsysteme sperren die Sonnenenergie und die Strahlungsenergie der Umgebung aus“, moniert Schwan. Wenn er gegen die Branchengrößen wettert, klingt es, als seien die Baunormen aus der Energiesparverordnung eine einzige Verschwörung von Dämmstoffindustrie und Gesetzgeber.

Andere Experten haben keine prinzipiellen Zweifel an der Wirkung klassischer Dämmstoffe. Norbert König vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik sieht Schwan in der Beweispflicht: „Nur Langzeitstudien können zeigen, welche Energieeinsparung die Thermosfassade tatsächlich bringt“, urteilt der Bauphysiker. Doch Schwan lässt sich nicht beirren: Er begleitet seine Aufträge mit Messungen und vertraut darauf, dass sich eine gute Idee letztlich durchsetzt. „Wenn mich die anderen für einen Spinner halten, ist mir das wurscht“, sagt Schwan. Die alte Thermoskanne hat er noch.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Irre hell

04.07.2008

Zuletzt besucht / gesucht

Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück  vor
  • Die Firmenautos des Jahre

    Die Firmenautos des Jahres

    Autos, die sich in großen Fuhrparks durchsetzen, erfüllen besondere Voraussetzungen in puncto Unterhaltskosten, Restwert und Verschleiß. Damit sind sie auch für private (Gebrauchtwagen-) Käufer interessant. Jetzt haben 150 Fuhrparkmanager aus 120 Modellen ihre Favorite...Bildergalerie 

  • BMW stellt neues 7er-Flag...

    BMW stellt neues 7er-Flaggschiff vor

    Der bayrische Autohersteller will mit seiner neuen 7er-Reihe den Absatz des Vorgängermodells deutlich übertreffen und zielt dabei vor allem auf den schwierigen US-Markt und auf China. Bei der Weltpremiere in München fand BMW-Chef Norbert Reithofer sogar Klima-Argument...Bildergalerie 

  • Autobauer unter Strom

    Autobauer unter Strom

    Die Idee für ein Elektroauto ist nicht neu. Doch dank neuer leistungsfähiger Lithium-Ionen-Batterien, explodierender Treibstoffpreise, anhaltender Klimadebatte und immer strengeren Emissionsauflagen setzen die Autohersteller rund 100 Jahre nach deren Erfindung wieder a...Bildergalerie 

  • Neue Konkurrenz in der „G...

    Neue Konkurrenz in der „Golf-Klasse“

    Für den Klassiker aus Wolfsburg, den VW Golf, wird es enger: Fast ein Dutzend kompakter Neuheiten in kommen in nächster Zeit auf den Markt. Dabei spannt die Industrie den Bogen von praktischen Kombis über bezahlbare Sportwagen bis hin zu echten Luxusmodellen, die sich ...Bildergalerie