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HANDELSBLATT, Dienstag, 6. Mai 2008, 10:15 Uhr
Biologie

Durch Stadtlärm zum Schreihals

Sie singen nachts, zwitschern lauter oder trällern in höheren Tonlagen. Der Lärm in Städten verändert das Verhalten vieler Vögel. Einige Tiere verschaffen sich auf geradezu kreative Weise Gehör im urbanen Grundrauschen.



Kohlmeisen gehören zu den Vogelarten, die unter dem Einfluss von Großstadtlärm ihr Singverhalten ändern. Foto: dpa
Bild vergrößernKohlmeisen gehören zu den Vogelarten, die unter dem Einfluss von Großstadtlärm ihr Singverhalten ändern. Foto: dpa

dpa HAMBURG. Rotkehlchen werden zu Nachtschwärmern und Kohlmeisen zu hochtonigen Schreihälsen: Der Lärm der Großstadt verändert das Verhalten viele Vögel - und sorgt dafür, dass sich Tiere der gleichen Art in Stadt und Land anders entwickeln. Langfristig könnten gar neue Arten entstehen, die sich untereinander nicht mehr verstehen, glauben Ornithologen. Zwischen Asphaltpisten und Bahntrassen vollzieht sich eine Art Evolution im Zeitraffer.

Dem Gesang männlicher Stadt-Nachtigallen lauschte der Verhaltensbiologe Henrik Brumm von der Freien Universität Berlin. Er fand heraus, dass die Tiere gegen laute Hintergrundgeräusche förmlich anschreien. In Berlin etwa waren sie bis zu 14 Dezibel lauter als ihre Artgenossen in den umliegenden Wäldern. Die Lautstärke steige proportional zum Pegel der Hintergrundgeräusche, berichtet das britische Magazin „New Scientist“. An Werktagen hätten die Vögel morgens daher besonders laut gesungen.

Eine ähnliche Strategie haben Kohlmeisen, wie eine Studie der niederländischen Forscher Hans Slabbekoorn und Ardie den Boer-Visser von der Universität Leiden zeigte. Kohlmeisen pfeifen in Städten höher, schneller und kürzer als in freier Natur, um sich vom zumeist tieffrequenten Grummeln der Metropolen abzuheben. Die Forscher hatten die Tiere in zehn Städten beobachtet, darunter Berlin, London und Paris. Und es zeigte sich überall dasselbe Bild, wie die Vogelkundler 2006 im Fachjournal „Current Biology“ berichteten. Diese Flexibilität mache Kohlmeisen erst zu Überlebenden des „städtischen Dschungels“.

Rotkehlchen hingegen setzen weniger auf die Kraft ihrer Stimme. Sie weichen auf die selbst in Städten ruhigeren Nachtstunden aus, wie Richard Fuller von der Universität Sheffield ergründete. Je lauter die Geräuschkulisse am Tag ist, desto eher erheben Rotkehlchen nachts ihre Stimme, schrieben Forscher um Fuller im vergangenen Jahr in den „Biology Letters“ der britischen Royal Society. Allerdings belaste das Nachtsingen die zierlichen Tiere, da sie weniger schlafen und dadurch einen gesteigerten Stoffwechsel haben.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Erstaunlich schnelle Anpassung


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