Eine Revolution in der Medizinkultur könnte am Ende der Entwicklung stehen. Nötig ist sie allemal. Denn die Gesundheitsausgaben steigen ständig, alleine für Arzneimittel gaben die Kassen vergangenes Jahr rund 25,4 Milliarden Euro aus. "Es kann nicht mehr alles bezahlt werden, was irgendwie wirksam ist", sagt Sawicki. Dafür seien viele Medikamente heute einfach zu teuer. "Das Budget ist begrenzt. Wir müssen mit unseren Ressourcen so umgehen, dass wir damit möglichst viele Menschen retten können." Sawicki nennt das "Rationalisieren statt rationieren".
Von Anfang an gab es Ärger um die wissenschaftliche Methode, mit der dieser Nutzen gemessen wird. Sawickis Institut hat sich nach internationalem Vorbild der sogenannten evidenzbasierten Medizin verpflichtet (EbM). Diese versucht, aus dem Wust an Daten und internationalen Studien die Perlen herauszufischen. Zu den Perlen zählen wissenschaftlich hochwertige Untersuchungen, die klären: Übersteigt der Nutzen eines Medikaments oder einer Therapie tatsächlich die möglichen Nebenwirkungen? Für eine solche Studie teilen Ärzte Patienten nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen ein. Die eine Gruppe erhält den Wirkstoff, die andere ein Placebo. Weder Arzt noch Patient wissen, welche Gruppe die Wirksubstanz erhält. Diese sogenannten randomisierten Studien stellen den Goldstandard der Medizin dar.
"Ist der Vorteil von Insulinanaloga" - das sind im Labor hergestellte Insuline, die den Blutzucker des Menschen regulieren - "wirklich bewiesen?" Diese schlichte Frage brachte Sawicki vor einem Jahr den ersten richtigen Ärger. Anlass war die Veröffentlichung des Abschlussberichts "Kurzwirksame Insulinanaloga zur Behandlung des Diabetes mellitus Typ 2". Was wissenschaftlich trocken daherkam, versetzte Pharmamanager in Alarm. Denn laut Sawicki bieten die untersuchten Analoginsuline, die heute allein in Deutschland 400 000 Diabetespatienten spritzen, im Vergleich zu herkömmlichen Humaninsulinen trotz 30 Prozent höherer Kosten keinerlei erkennbaren Zusatznutzen. Externe Gutachter, meist Diabetologen, hatten dafür weltweit über 1 000 medizinische Studien gesichtet - und alle Studien aussortiert, die nicht den Regeln der evidenzbasierten Medizin entsprachen. Disqualifiziert wurden auch Untersuchungen, deren Finanzierung unklar war.
Zudem lud Sawicki Industrievertreter, Patientenorganisationen und Fachgesellschaften zu Fachgesprächen ins Institut. Er hörte sich an, was sie über die Medikamente sagten. Doch so sehr auch die Pharmavertreter die Vorteile der Medikamente priesen - am Ende stand stets die Frage: "Wo ist die klinische Studie, die das belegt?"
Für die Pharmaindustrie kam das IQWiG-Fazit einer Ohrfeige gleich. Denn die Analoginsuline sind seit rund zehn Jahren auf dem Markt. Zeit genug also, wissenschaftlich nachzuweisen, dass sie besser sind als die billigeren Humaninsu- line. Doch in keinem der wichtigen Ziel-kriterien fanden die Kölner Kontrolleure einen Beleg für einen Patientennutzen. Weder ging die "Krankheitshäufigkeit" noch die "Sterblichkeit" oder die "Rate der schwerwiegenden Unterzuckerungen" zurück, noch stieg nachweisbar die "Lebensqualität" oder die "Therapiezufrie-denheit".
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